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Olympiafreie Zone Zauchensee : Soll sich der Putin doch sonnen in seinem Protz

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In welche Richtung darf es gehen? Steil bergab die Weltcup-Piste oder steil bergauf die spektakuläre Kulisse. Bild: Volker Mehnert

Vor sieben Jahren verlor Salzburg seine Olympiabewerbung gegen Sotschi. Zauchensee sollte ein Hauptschauplatz der Spiele sein. Die Niederlage tat weh, doch die Wunden sind verheilt.

          Downhill“ heißt die Devise in Zauchensee - vom höchsten Punkt der Ski-Arena über die steilen Pisten bis hinein in die Weinkeller der Hotels. Los geht’s ganz oben auf dem 2188 Meter hohen Gipfel des Gamskogels. Dort befindet sich der Start für die Weltcup-Abfahrtsstrecke der Damen, und dort geht es wahrhaftig bergab: Zweiundsiebzig Prozent Gefälle besitzt der Einstieg in die schwerste und spektakulärste Damenabfahrt des internationalen Skizirkus. Auf dieser ersten Etappe nehmen die Läuferinnen Schwung für ihren drei Kilometer langen Schnee- und Eisritt hinunter zur Zielarena am Zauchensee. Für den alltäglichen Betrieb freilich ist dieser oberste Abschnitt gesperrt - zu steil und zu sehr dem Wind ausgesetzt für gewöhnliche Ski-Amateure und zu schwer zu präparieren für die Pistenraupen. Ohne Skier hinauf darf man allerdings schon, ein Schrägaufzug auf Schienen macht es möglich. Von oben schaut man zunächst mit einer Gänsehaut über die Kante auf den Abhang, kann dafür jedoch anschließend das Gebirgspanorama genießen, das von den felsigen Zacken von Dachstein und Hochkönig beherrscht wird.

          Unterhalb dieser steilen Startrampe ist die Weltcupabfahrt für jedermann geöffnet. Rennpisten, das wird hier schnell deutlich, können bei entsprechender Streckenführung als Touristenabfahrten taugen - und umgekehrt. Dabei merkt auch der Amateur sofort, dass dies keine alltägliche Abfahrt ist, sondern dass sie mit Bedacht harmonisch ins bergige Gelände eingepasst und zugleich mit sportlichen Tücken versehen wurde. Man darf die Strecke der Profis mit sanften oder flotten Schwüngen bewältigen und sich dabei wundern, wie überhaupt jemand die halsbrecherischen Abschnitte von Schikane, Jägersprung und Kälberloch, von Panoramakurve, Lercheneck und Schmalzleiten in kaum gebremster Schussfahrt durchrasen mag. Eine solche Piste kann man ein Dutzend Mal hinunterfahren, ohne dass es langweilig wird.

          Zehn Hotels, zwei Almhütten, kein Krawall

          Das Skigebiet von Zauchensee liegt in einem großen und doch übersichtlichen Almkessel am Rande der Niederen Tauern, umrahmt von den drei Gipfeln Rosskopf, Gamskogel und Tauernkar. Die Pisten aller drei Berge treffen sich in der Weltcuparena beim 1350 Meter hoch gelegenen Zauchensee. Das Gebiet ist mit seinen fünfzehn Liftanlagen und den vierundvierzig Pistenkilometern zwar nicht besonders groß und liegt auch nicht gerade im extremen Hochgebirge, aber nicht nur die Weltcup-Piste ist für rasantes Abfahren ausgelegt. Auch viele andere Strecken sind anspruchsvoll und eher für fortgeschrittene Skifahrer geeignet. Man darf sich nicht täuschen angesichts der wenigen schwarz ausgezeichneten Pisten, die hier und da bloß als Abkürzungen langgezogener Kurven dienen. Denn dafür sind die roten Pisten bis zu fünf Kilometer lang, extrem sportlich und auf jeden Fall aufrichtig dunkelrot.

          Rasende Frauen im Schnee: Der Weltcup macht mit einer Damenabfahrt traditionell Station in Zauchensee.

          Am Ende des Skitages landet der Besucher immer vor seiner Unterkunft, denn sämtliche Hotels haben einen direkten Zugang zu den Liften. Am Zauchensee, an dem es vor fünfzig Jahren nur eine Handvoll Almhütten gab, ist in den vergangenen Jahrzehnten ein überschaubarer Ort mit zehn großen Hotels entstanden. Die gute Schneelage mit Niederschlägen sowohl aus Nordwesten als auch aus dem Süden hat damals sechs Bauern bewogen, gemeinsam in einen ersten Schlepplift zu investieren. Inzwischen ist auf der ehemaligen Alm eine Skistation aus der Retorte entstanden, wie man sie in Österreich sonst nicht kennt, die aber dank ihrer dezenten alpinen Architektur nicht mit den riesigen Anlagen in den französischen Alpen vergleichbar ist. Die beiden Almhütten im Zentrum, die einzigen Relikte aus der Vergangenheit, erscheinen jetzt dennoch wie Fremdkörper, auch wenn hier im Sommer ringsum noch ein weitläufiges Weidegebiet mit einer florierenden Milchwirtschaft existiert. Auf die heimelige Atmosphäre alter Holzhäuser, uriger Gasthöfe und denkmalgeschützter Ortskerne, wie man sie aus vielen Alpendörfern kennt, muss der Gast in Zauchensee jedenfalls verzichten. Und einen ausufernden, nächtlichen Après-Ski-Rummel darf auch niemand erwarten.

          Keine Lust auf architektonischen Gigantismus

          „Downhill“ war auch die ehrgeizige olympische Perspektive von Zauchensee. Wenn es nach den Österreichern gegangen wäre, dürften in diesen Tagen und Wochen eigentlich gar keine Touristen auf der Weltcupstrecke unterwegs sein. Denn in der Olympiabewerbung von Salzburg und des Salzburger Landes für 2014 war sie für den Abfahrtslauf und den Super-G der Damen vorgesehen. Die Abstimmungsniederlage gegen Sotschi hat die Salzburger damals sehr geschmerzt, hatten sie doch eine Bewerbung abgegeben, die, wie hier in Zauchensee, zum überwiegenden Teil auf bereits bestehenden Sportstätten aufgebaut war. Acht von elf notwendigen Anlagen waren vorhanden, die meisten hatten sich außerdem schon bei internationalen Wettbewerben bewährt. Die Region schien beinahe von allein olympiatauglich zu sein.

          Von Winterspielen inmitten alpiner Atmosphäre und abseits von architektonischem Gigantismus hatte man geträumt, in einer Region, in der der Wintersport traditionell, aktuell und zukünftig zu Hause ist und in der sich die Bevölkerung damit identifiziert. Verwaiste Schneisen in der Bergwelt wären nicht zurückgeblieben, die olympischen Pisten und alle anderen Einrichtungen hätten im Anschluss an Olympia einem breiten Wintersportpublikum weiterhin zur Verfügung gestanden. Auch ökologische Einwände waren kaum zu hören, und sogar die oppositionelle grüne Fraktion im Salzburger Stadtparlament mochte lediglich marginale Bedenken vorbringen. Tatsächlich hatte in den vergangenen Jahrzehnten eine Olympiabewerbung selten auf so soliden Füßen gestanden.

          Das Ende des Puppenstuben-Projekts

          Genutzt hat das alles nichts, denn Salzburg hatte schließlich bei der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees das Nachsehen. Im Rückblick und unter dem Eindruck der monströsen Ausmaße von Olympia in Sotschi spricht man im Salzburger Land von der eigenen Bewerbung jetzt manchmal selbstironisch als „Puppenstuben-Projekt“, bei dem freilich der ursprüngliche olympische Gedanke authentischer verwirklicht worden wäre als in Sotschi. Durch die aktuelle Kritik am russischen Gigantismus sieht sich manch einer immerhin nachträglich bestätigt und denkt gerade in diesem olympischen Winter noch einmal über die entgangenen Chancen für die eigene Region nach, deren touristisches Angebot noch hätte abgerundet werden können. Andererseits schätzt man die Aufmerksamkeit, die seinerzeit bereits durch die bloße Bewerbung entstanden ist. In den beteiligten Bergdörfern wie Zauchensee, Flachau oder Radstadt hätten die meisten Verantwortlichen auch eine neuerliche Bewerbung unterstützt, doch die Politiker in Salzburg und Wien haben sich schließlich dagegen entschieden.

          Das Salzburger Land liegt im Gegensatz zu Sotschi nicht am Schwarzen Meer. Schön ist es hier aber auch.

          Liftgesellschaft und Hoteliers in Zauchensee mögen sich grämen, dass aus der geplanten Erweiterung der schmalen, zehn Kilometer langen Zufahrtsstraße nun nichts geworden ist. Manch einer trauert auch jener phänomenalen Skipiste hinterher, die vom Rosskopf nach Flachauwinkl hinunterführen und für den Abfahrtslauf der Herren hergerichtet werden sollte. Zauchensee wäre so die olympische Downhill-Destination par excellence geworden. Andererseits können sich nun die Freerider über den jungfräulich gebliebenen Hang freuen, den sie bei guten Schneeverhältnissen weiterhin für sich haben. Viele Einheimische sind auch froh, dass die Immobilienpreise nicht noch mehr gestiegen sind, als sie dies in den vergangenen Jahren ohnehin schon getan haben. Auch die Stammgäste dürften sich glücklich schätzen, dass in den Februarwochen jetzt genügend Zimmer zu gewohnten Preisen zur Verfügung stehen und sämtliche Pisten geöffnet sind. Bei den meisten jedenfalls scheinen die Wunden, die im Jahr 2007 sehr tief waren, verheilt zu sein. So können wohl Einheimische und Gäste die olympischen Abfahrtsläufe in Sotschi ganz entspannt vor dem Fernsehschirm verfolgen.

          Ein bescheidener National- und Volksheld

          Auch Michael Walchhofer wird das tun, der sein bisheriges Leben dem Motto „Downhill“ gewidmet hat: In Zauchensee aufgewachsen, ist er in den Jahren nach der Jahrtausendwende zum allseits verehrten österreichischen Skihelden geworden: Weltmeister 2003 im Abfahrtslauf, Silbermedaillengewinner bei Olympia 2006 in Turin, dreifacher Gewinner des Abfahrtsweltcups, Sieger bei den Klassikern am Lauberhorn und am Hahnenkamm. Die Pisten an Gamskogel, Rosskopf und Tauernkar waren in der Kindheit sein winterlicher Spielplatz, von dort führte der Weg über die Ski-Hauptschule in Schladming ins österreichische Ski-Team. Wie viel seine Erfolge seither zur Popularität seines Heimatortes beigetragen haben, mag der bescheidene Mann nur ungern beurteilen. „Ein kleines Schäufelchen vielleicht“, meint er.

          Nach Ende seiner Ski-Karriere hat sich Michael Walchhofer als Hotelier und Gastronom in Zauchensee niedergelassen, und wenn man den Gesprächen an den Schneebars oder beim Abendessen lauscht, bekommt man den Eindruck, dass einige Gäste ihr Urlaubsziel auch wegen seiner Person ausgesucht haben. Ihre Schwärmerei können die Fans nicht nur tagsüber auf seinen Heimatpisten ausleben, sondern am Abend auch mit einem exquisiten Rotwein abrunden, den man kaum anderswo bekommt als in einigen Hotels und Restaurants von Zauchensee. Denn nach dem erstmaligen Gewinn des Abfahrtsweltcups hatte sich der Rennfahrer mit einem Winzer aus der niederösterreichischen Weinregion Carnuntum zusammengetan, um zur Feier des Erfolgs einen besonderen Rotwein zu kreieren. Jetzt, da es keine Weltcupsiege mehr zu feiern gibt, bleibt das Cuvée aus Zweigelt und Merlot eine liebgewonnene Tradition, die von den beiden alljährlich wiederbelebt wird. Der Name des Walchhofer-Weins, wie sollte es anders sein: Downhill.

          Skifahren in Zauchensee

          Anreise: Eurocity-Verbindung ohne Umsteigen ab Frankfurt über Stuttgart und München nach Radstadt. Von München aus fahren mehrere Züge täglich mit Anschluss in Salzburg in die Region. Mit dem Auto auf der Tauernautobahn A 10 bis Ausfahrt Radstadt-Altenmarkt und weiter nach Zauchensee. Für Tagesgäste gut geeignet ist die Ausfahrt Flachauwinkl mit direktem Einstieg in den Lift zum Rosskopf.

          Ski alpin: Die Pisten von Zauchensee sind Teil der Salzburger Sportwelt und vom Rosskopf aus ins benachbarte Flachauwinkl verbunden, wo wiederum ein Anschluss an die Skischaukel nach Kleinarl besteht. Außerdem ist Zauchensee Mitglied des Großverbundes Ski amadé, in dem zwischen Hochkönig und Gasteinertal im Westen und der Region Schladming/Gröbming/Dachstein im Osten 760 Pistenkilometer durch 270 Liftanlagen erschlossen sind. Es ist das größte Skigebiet Österreichs; dennoch sind Zauchensee und die meisten anderen Gebiete übersichtlich und manche sogar familiär. Der Tages-Skipass für die Salzburger Sportwelt kostet 45,50 Euro für Erwachsene, 35 Euro für Jugendliche, ein Dreitagespass für die Gesamtregion Ski amadé 135,50 Euro für Erwachsene, 101,50 Euro für Jugendliche.

          Information: Tourismusverband Altenmarkt/Zauchensee, A-5541 Altenmarkt, Tel.: 0043/6452/5511, www.altenmarkt-zauchensee.at. Salzburger Sportwelt, Tel.: 0043/6457/2929, www.salzburgersportwelt.com. Die Reise wurde unterstützt von Ski amadé.

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