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Andrea Diener, Redakteurin im Feuilleton

Irrfahrt durch Norddeutschland : Oldenburg und Oldenburg

  • -Aktualisiert am

Richtig: Oldenburg in Holstein. Bild: Picture-Alliance

So kann man sich täuschen: Wer Oldenburg besuchen will, sollte beachten, dass es davon zwei Stück gibt.

          1 Min.

          Wer wie ich dieses Land von der Mainlinie aus wahrnimmt und generell skeptisch gegenüber topographiefreier Gegend ist, der betrachtet die norddeutsche Tiefebene, die bekanntlich gleich hinter Kassel beginnt, als ungünstiges Hindernis auf dem Weg zum Meer. Rätselhafterweise haben sich dort Menschen angesiedelt, weshalb der ICE nicht einfach durchrauscht, sondern ab und zu an einer ziegellastigen Häuseransammlung anhält. Mein Desinteresse an dieser Gegend sollte mir neulich zum Verhängnis werden, als ich wieder einmal zigtausend Rübenäcker durchfuhr, um an die Küste zu gelangen. Ich hatte eine Fahrkarte nach Oldenburg, wo man mich abholen und an die Ostsee fahren sollte, die angeblich nur zehn Minuten entfernt lag. Ich blickte teilnahmslos in das landschaftliche Nichtereignis hinaus und auf die Ziegelhausansammlungen, durch die ich fuhr, und wunderte mich ein bisschen, dass es in und um Neustadt am Rübenberge wirklich nicht einen einzigen Berg gab, nicht einmal einen Rübenhügel, und stellte mir vor, dass Bauer Hein Olsen vermutlich so um 1247 mal fünf Rüben gestapelt haben muss, was hier vorher noch nie vorgekommen ist, weshalb sich der Ort fortan nach dieser imposanten Erhebung benennen sollte. Mein Zug fuhr nach Norddeich Mole, was ziemlich nach Norden und Meer klang und auf jeden Fall richtig sein müsse – dachte ich.

          Falsch: das andere Oldenburg.
          Falsch: das andere Oldenburg. : Bild: dpa

          Seltsamerweise fuhr der Zug aber auch erstaunlich weit links an Hamburg vorbei, und Hamburg, so viel wusste ich nun doch über die geographischen Gegebenheiten, lag ziemlich genau zwischen Nord- und Ostsee und war daher ein entscheidender Marker für die Richtung meiner Fahrt. Zweifel beschlichen mich. Ich tat das, was ein moderner Mensch in Notsituationen tut: Ich googelte hektisch. Und erkannte: Es gibt in diesem Norddeutschland allen Ernstes zwei Oldenburgs, die man erreicht, wenn man durch jeweils eines der beiden Neustadts fährt. Das eine Oldenburg heißt Oldenburg in Holstein, da sollte ich hin, das andere Oldenburg heißt Oldenburg in Oldenburg, da fuhr ich hin. Wie um Himmels willen soll ein Mensch, der an der Mainlinie lebt, wissen, wo dieses Holstein nun genau ist, außer halt irgendwo da oben hinter Kassel, das ist nun wirklich kein Distinktionsmerkmal, und Oldenburg mit dem Zusatz „in Oldenburg“ hilft einem geographisch gleich gar nicht weiter. Das ist doch mit Absicht so angelegt, um Ortsfremde zu verwirren, dachte ich. Ich fuhr durch unendliches Flachland, durch Rübenäcker und Ziegelhausansammlungen, bis ich irgendwann nach vielen, vielen Stunden im richtigen Oldenburg ankam. Der Bahnhof Oldenburg (Holstein) hatte genau ein Gleis, und es hieß „Gleis zwei“.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

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