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Brasilien : Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt

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„Alles klar, vem pro bar“

Das Bier holt man sich an langen Theken. Die Marken heißen „Eisenbahn“, „Bierland“ oder „Schornstein“. Gebraut nach dem deutschem Reinheitsgebot. Nicht nur große Brauereien, auch die kleinen in Blumenau ansässigen Familienbetriebe schicken ihre Braumeister nach Deutschland in die Lehre. Die Verbindung zum Land der Vorfahren wurde nie abgebrochen. Viele Einwohner Südbrasiliens haben deutsche Wurzeln, tragen deutsche Namen, sprechen noch immer Deutsch. Und obwohl kaum einer Deutschland je besucht hat, vom Münchener Oktoberfest ganz zu schweigen, ist man in Blumenau stolz darauf, von Deutschen abzustammen. Die Ahnen, sagt man, haben der Region zu wirtschaftlicher Kraft und Lebensqualität verholfen, wie sie in Brasilien ihresgleichen suchen; die südlichen Bundesstaaten sind das gefühlte Bayern Brasiliens.

Zum Oktoberfest empfängt Blumenau bis zu einer halben Million Besucher – fast doppelt so viele Menschen, wie die Stadt Einwohner zählt.

Die Stadt Blumenau wurde 1850 von Deutschen gegründet, im Gefolge des Apothekers Dr. Hermann Bruno Otto Blumenau. Dabei waren sie keineswegs die ersten Deutschen mit dem Vorhaben, den brasilianischen Urwald in urbares Land umzuwandeln und Städte als Handelszentren zu errichten. Schon ein Viertel Jahrhundert zuvor war das den ersten Kolonialisten im weiter südlich gelegenen São Leopoldo gelungen. Der Ruf des brasilianischen Kaisers, der das Hinterland besiedeln wollte, hatte sie angelockt, während die Küste Brasiliens bereits von Portugiesen bewohnt war. Die größte Einwanderungswelle erlebte Brasilien Ende des neunzehnten Jahrhunderts nach der späten Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1888. Rund eine Million Italiener kamen, sie bildeten die größte Einwanderergruppe, weit vor Polen und Deutschen. Seit Beginn der Einwanderung in den Zwanzigern des neunzehnten Jahrhunderts sollen eine Viertelmillion Deutsche in Brasilien eine neue Heimat gefunden haben. Heute bezeichnen sich fast fünf Millionen Brasilianer als deutschstämmig – und viele verweisen stolz auf ihren deutschen Namen.

„Manche sind ein bisschen zu stolz“, sagt Siegfried Hartmann. Von fünfundsechzig Jahren in Benedito Novo im Bundesstaat Santa Catarina geboren, lebt er seit nunmehr zweiunddreißig Jahren in Blumenau. Auch er geht gerne mit Frau und Freunden auf das Oktoberfest, obwohl er sich als Jazz-Fan bezeichnet und Bossa Nova der Blasmusik vorzieht. Doch überrasche ihn das Oktoberfest jedes Jahr mit Neuem, womit er nicht nur die Brezeln meint, die er bisher nur aus Erzählungen kannte und die er jetzt zum ersten Mal im Leben auch gegessen hat. Er meinte auch die Musik. Die „Banda Herr Schmitt“ sei ganz großartig, vor allem ihr Hit „Alles klar, vem pro bar“. Und er lacht, als ob er es selbst kaum glauben könne, dass er als Jazz-Fan plötzlich brasilianische „Power-Volksmusik“ im Stile des moderneren ZDF-Fernsehgartens mag. Ein Liveact, der nur noch von den echten Fernsehgartenstars „Voxxclub“ getoppt wird: Fünfzehntausend Fans jubeln der Boygroup in engen Lederhosen zu bei Hits wie „Rock mi heit Nocht“ oder „Geiles Himmelblau“. Das findet Rentner Hartmann cool: „Das ist witzig.“

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