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Großbritannien : Den Möwen dürfte das alles ziemlich egal sein

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Das Symbol des neuen Newcastle: Die Gateshead Millenium Bridge über den Fluss Tyne verbindet die Stadt mit der Konzerthalle The Sage Gateshead und kann bei Bedarf gekippt werden, um größeren Schiffen Platz zu machen. Bild: Chris Hepburn/robertharding/laif

Kunst im öffentlichen Raum und Renovierungen sollen dafür sorgen, dass Newcastle upon Tyne, das ehemalige Zentrum des Kohlebergbaus, schön wird. Wenn das nicht hilft, gibt es abends sehr viele Möglichkeiten, Bier zu trinken.

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          Den an praktisch jeder Hauswand, Ampel und Laterne in Newcastle wie hässliche, gierige Insekten klebenden Kameras des Beobachtungssystems Closed-circuit television, kurz: CCTV, das New Labour geradezu obsessiv ausbauen ließ, entgeht kein Bettler, kein Fußgänger, niemand. Tony Blair und Freunde hatten der Bürgergesellschaft Ende der neunziger Jahre den Krieg erklärt, und aus einem grundliberalen Gemeinwesen ist ein Überwachungsstaat geworden. Durchschnittlich zweihundert- bis zweihundertfünfzigmal werde man pro Tag gefilmt, erzählt ein Einheimischer.

          Die CCTV-Kameras dokumentieren unfreiwillig auch die Veränderung einer Stadt. Der Nordosten Englands, insbesondere Newcastle upon Tyne, war bis Ende der siebziger Jahre ein Zentrum des Kohlebergbaus, der Stahlherstellung, des Eisenbahn- und des Schiffsbaus. Spätestens 1985, nach dem für die Gewerkschaftsbewegung unter Arthur Scargill desaströsen Ausgang des einjährigen Streiks der Minenarbeiter und der Schließung der Zechen, lag die Region danieder. Die Stadt muss einen verheerenden Eindruck gemacht haben, die Arbeitslosenquote betrug ungefähr fünfzig Prozent. Dass hier die Speed-Metal-Band Venom gegründet wurde, die bis dahin nie gehörte akustische Anschläge auf das Trommelfell verübte, ist ein stimmiger Beleg für die These, die Pop- und Rockmusik habe früher zuweilen bis in kleinste Elemente der Kompositionsprinzipien und Klanggestalten auf gesellschaftliche Konflikte reagiert.

          „Carry coals to Newcastle“ - das Sprichwort „Kohlen nach Newcastle bringen“, gleichbedeutend mit der deutschen Redensart „Eulen nach Athen tragen“ - ist obsolet geworden. Geblieben vom Industriezeitalter ist die Monumentalskulptur „Angel of the North“ zehn Kilometer südlich von Newcastle. Zwanzig Meter ragt er in die Höhe, der rostbraune, stählerne, von dem Bildhauer Antony Gormley entworfene Engel des Nordens, vierundfünfzig Meter misst die Spannweite der plumpen, an den Spitzen nur leicht zulaufenden Flügel. Vertikale und horizontale Rippen rastern das Ungetüm, das 1998 in eine sanfte Erhebung in der welligen Landschaft gerammt wurde und in seiner kolossalen Wucht ein wenig an die „Mutter Heimat ruft!“-Statue auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd erinnert.

          Die Ente Newcastle ist noch kein Schwan

          Den Namen der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher, die die britische Arbeiterbewegung regelrecht zermalmte, solle man in Newcastle bis heute besser nicht erwähnen, warnt man uns. Alexander Jacobs, der uns durch Newcastle führt, hält den „Thatcherismus“ aber rundum für richtig. Zumindest die augenscheinlichen Ergebnisse des - keineswegs abgeschlossenen - Konversionsprozesses in Newcastle lassen seine Lobreden auf die schrittweise Verwandlung seiner zweiten Heimat verständlich erscheinen. Auf enigmatische Kunst im öffentlichen Raum stößt man allenthalben, etwa auf einen in der Horizontale schwebenden Mann in schlichtem blauem Hemd und verknitterter Hose, ohne Schuhe. Ist das ein Sinnbild für das aus den Angeln gehobene Proletariat? Oder für die Relativität von Kraft und Raum?

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