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Passionsspiel in Oberammergau : Das Weihespiel in Zeiten von Covid-19

Da geht’s lang: Regisseur Christian Stückl bei einer Probe. Bild: Freddy Langer

Wenn er sie vor der Pest verschone, versprachen die Oberammergauer 1633 dem Herrgott, wollten sie zum Dank alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Christi aufführen. Ausgerechnet eine neue Epidemie gefährdet nun die Aufführung, die Proben sind vorerst ausgesetzt.

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          Das muss man gesehen haben, wie der Christian Stückl auf der Bühne steht, nein, auf einem Tisch auf einer Bühne steht, alle um ihn herum um einen Dreiviertelmeter überragt, und alle sind in diesem Fall sehr viele, vier-, fünfhundert Menschen allemal, ein regelrechter Menschenauflauf an diesem Winternachmittag in Oberammergau, dessen Eiseskälte noch bis in den letzten Winkel des Raums gekrochen kommt, weshalb sich die meisten in dicke Pullover und Daunenjacken gepackt haben, was ein recht buntes Bild ergibt, später aber einmal ganz anders aussehen soll. Was man jetzt vor Augen hat, gleicht einer Schar von Ausflüglern bei einer Massenwanderung in den Bergen und nicht im Geringsten dem Volk in den Straßen von Jerusalem, das den Heiland begrüßt, während er auf einem Esel in die Stadt geritten kommt.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Noch aber gibt es keinen Esel. Noch gibt es eben auch keine Kostüme. Nur Menschen in Winterkleidung. Und über den Massen den Christian Stückl, von dem im Ort alle nur als „der Christian“ sprechen und der nun mit dem Stabmikrofon in seiner Hand wild herumfuchtelt, hierhin zeigt, dorthin zeigt und aus Leibeskräften in den weiten Raum der Bühne brüllt, statt ins Mikrofon zu sprechen, aber das geht ja eben nicht, weil er es zum Dirigieren braucht. Und wie weiland der Prophet Moses im Verlauf seiner vierzig Jahre dauernden Wanderung mit dem Volk der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei in das kanaanäische Land mit seinem Stab die Wasser des Roten Meeres teilte, so teilt der Christian Stückl nun mit dem Stabmikrofon sauber und präzise die Masse von Männern, Frauen und Kindern in das A-Volk und das B-Volk und so weiter und die Kinder in ihren Skianzügen noch dazu in Arm – „Ihr tragt dann später nur einen Wams“ – und Reich, und man erhält eine erste Ahnung davon, wie viel Macht in dieser Hand, in diesen Gesten, in diesem Menschen steckt und wie viel Kraft, nein: Wie viel maßlose Energie! So muss es heißen. Umso enttäuschter ist der Christian Stückl vom „Hosianna“, das sein Chor der Masse eher über die Bühne säuselt, als schmettert. Was er zunächst mit einem väterlich freundlichen „Da geht fei mehr!“ kommentiert.

          Es geht um Leben und Tod

          Sein Fuchteln und Schreien und Brüllen wird im Laufe der kommenden Stunden kein Ende nehmen, und der Christian Stückl, der bald schon vom Tisch hinuntersteigt und nun inmitten der Menschenmassen seine Anweisungen gibt, dabei mal hierhin, mal dorthin rennt und stets in solch einer hektischen Bewegung bleibt, dass sein Hemd bei all dem Dirigieren längst aus der Hose gerutscht ist und seine blaue Arbeiterjacke genauso wie sein wirres, lockiges Haar aus dem Flattern gar nicht herauskommt, dieser Christian Stückl wird in dieser ganzen Zeit nur ein einziges Mal stillstehen. Das ist der Moment, in dem er einen Holzklotz in die Hand nimmt und den Arm wie zum Wurf bereit nach hinten streckt, für einen langen Moment einen erbosten Blick aufsetzt, dann aber den Arm ganz langsam sinken lässt und nach vorne nimmt und sagt, halb voller Wut, halb friedlich zurückhaltend, als wisse die Person, die er spielt – nicht er! Er weiß es! Nämlich genau so! –, selbst noch nicht, welcher Tonfall der adäquate ist, um jenen aufzufordern, den ersten Stein zu werfen, der ohne Sünde ist.

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