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Paradies in Norwegen : Kann man auf den Lofoten Ski fahren?

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So sieht ein Wintersportort auf den Lofoten aus: die bunten Häuser der Fischer vor dem Weiß der Berge. Bild: Johannes Schweikle

„Auf den Lofoten hat das Skifahren keine Tradition“, sagen die Einheimischen. Unser Autor hat sich trotzdem nach Norwegen aufgemacht und es ausprobiert.

          In Böen treibt der Sturm den Schnee waagerecht durch einen dunklen Himmel. Am kleinen Flughafen bei Narvik steigen wir in einen VW-Bus, bis zu den Lofoten sind es noch 170 Kilometer. Jede halbe Stunde müssen wir anhalten, der Bergführer kratzt mit bloßen Händen das Eis von den Wischerblättern, damit er durch die Windschutzscheibe wenigstens ein verschwommenes Bild von der Straße bekommt. Sie erinnert an eine Bobbahn, rechts und links sind weiße Banden, dazwischen liegt spiegelglatt gefahrener Schnee. Immer wieder geht’s durch lange Tunnel, in denen die Straße Fjorde unterquert. Dann haben wir ein paar Minuten Pause vom Sturm.

          Am nächsten Morgen schnallen wir trotzdem die Skier an. Keiner will sich der hämischen Frage aussetzen, wie er sich eigentlich Skitouren auf den Lofoten vorgestellt habe, hoch oben an der norwegischen Küste, nördlich des Polarkreises.

          Unser Ziel ist der Varden. Dieser Berg ist nur 700 Meter hoch. Aber im Gegensatz zu den Alpen beginnt der Aufstieg nicht hinter einem hoch gelegenen Bergdorf, sondern auf Meereshöhe. Es gibt keine Hügel und kein Vorgeplänkel, gleich hinter der Küstenstraße geht’s los. Der Hang ist mäßig steil und eigentlich einfach zu bewältigen. Aber Arnd stürzt – weil eine Windbö ihn von den Beinen holt. „Das ist mir beim Aufstieg noch nie passiert“, sagt er verwundert. Bei einer Trinkpause will sich Elisabeth Tee einschenken, doch auf dem kurzen Weg von der Thermosflasche in den Becher weht’s die warme Flüssigkeit waagerecht weg.

          Weiß und grau

          Abgesehen von unserer bunten Ausrüstung hat sich die Welt auf zwei Farben reduziert: Der weiße Schnee reicht bis zum graphitgrauen Meer. Vor der Küste sind silbrigweiße Schären zu erkennen. Plötzlich reißt der Wind die Wolken auf, ein Spalt vom blauen Himmel blitzt durch, das Panorama bekommt Details. Zwischen zwei Bergen liegt ein gefrorener See unter einem glatten, weißen Tuch aus Schnee. Eine Bucht weiter ist ein Streifen heller Strand zu sehen, und das Meer leuchtet türkis, fast wie in der Karibik.

          Am Sattel unter dem Gipfel ziehen wir die Felle ab. Haben Schiss, dass der Sturm die Skier oder die Stöcke oder beides vom Berg weht. Noch eine Jacke übergezogen, dann schnell in die Abfahrt, bevor das Licht fahl wird, im Moment ist es gut. Der Hang präsentiert sich so wechselhaft wie das Wetter: drei Schwünge im Triebschnee, dann geht’s auf Eis über eine abgeblasene Stelle, anschließend kommt Bruchharsch. Am Auto atmet Arnd tief durch und sagt: „Das ist kein Pulverparadies.“

          Unsere Unterkunft liegt in Svolvær, dem Hauptort der Lofoten.

          Unsere Unterkunft liegt am Hafen von Svolvær. Der Hauptort der Lofoten hat 4000 Einwohner. Die Hallen der Werften bilden einen harten Kontrast zu den bunten Holzhäuschen. Sie ragen als eckige Kästen hochkant in den Himmel. Aber nach diesem Tag im Sturm verstehen wir, warum man hier Schiffe nicht an der frischen Luft reparieren will.

          Kleine Fischerboote laufen ein. Reling und Aufbauten sind mit Schnee besetzt, die Männer stehen starr wie Eiszapfen an Deck. Unter den Kapuzen der Overalls sieht man rotgefrorene Gesichter. Von Januar bis April kommt der Kabeljau zum Laichen zu den Lofoten, seit Jahrhunderten leben die Fischer hier von diesem Fang. Unser Ferienhäuschen ist nach dem Vorbild der traditionellen Fischerhütten gestaltet, die Rorbuer heißen: Es steht auf Stelzen über dem Wasser. Die Holzfassade ist ochsenblutrot gestrichen, innen gibt’s eine kleine Sauna und gemütliche Sofas. Der Schnee wird an große Fenster geweht. Behaglich im Warmen sitzend, sehen wir den Möwen beim Fliegen zu. Dann ertönt ein Nebelhorn – das Kreuzfahrtschiff der Hurtigruten legt ab.

          Winterhart und bequem

          Am Mittwoch sitzen wir nach der Skitour im Café „Unseld“ in Kabelvåg und essen Birnenkuchen mit Ingwer. Lisa Unseld, eine schmale Frau Mitte vierzig, hat im Schwäbischen das Bäckerhandwerk gelernt. Dann ist sie auf die Lofoten ausgewandert, mit ihrem norwegischen Partner Stian Håskjold betreibt sie das Café und eine Bäckerei. „Am 6. Dezember geht hier die Sonne unter, und am 6. Januar geht sie wieder auf“, sagt Lisa. In den vier Wochen um Weihnachten liegen die Inseln tagsüber im Dämmerlicht. Weil der Golfstrom für ein mildes Klima sorgt, sinken die Temperaturen meist nicht weit unter den Gefrierpunkt, und die Häfen bleiben eisfrei. Abgesehen von ein paar Skifahrern und Nordlichtfotografen bleiben die Einheimischen im Winter unter sich. Im Sommer jedoch, wenn die Sonne die Nächte erleuchtet, fluten mehr als 300.000 Touristen die Inseln mit den schmalen Straßen. „Da verdienen wir unser Geld“, sagt Lisa trocken, „in der übrigen Zeit ist es Service, dass wir geöffnet haben.“

          Doch etwas anders als in den Alpen: Wer in Nordnorwegen Ski fährt, findet keinen Lift und hat wechselnde Schnee- und Wetterbedingungen.

          Draußen schneit es wieder. Ein altes Ehepaar stapft zum Einkaufen, unbeeindruckt und aufrecht. Eine Frau, auch nicht mehr ganz jung, fährt mit dem Spark durch die Straße. Das ist ein Schlitten mit nach hinten verlängerten Kufen. Auf einer steht sie mit einem Bein, mit dem anderen gibt sie sich Anschwung. Ein Holzgriff gibt Halt, mit dem Spark ist sie sicherer unterwegs als zu Fuß.

          Leider trübt Lisa das schöne Bild von den winterharten Norwegern. Ihr Sohn ist sechzehn, und wenn er mit seinen Freunden irgendwohin wolle, sei es üblich, sich von den Eltern mit dem Auto fahren zu lassen, wie in Deutschland. Mit den Einnahmen aus dem Ölgeschäft hat Norwegen Straßen, Brücken und Tunnel gebaut. Sie verbinden die Inseln, die jahrhundertelang nur per Boot zu erreichen waren. Die Norweger haben sich schnell angepasst und lassen sich bequem in Autositze plumpsen. „Auf den Lofoten hat das Skifahren keine Tradition“, sagt Stian, „den Einheimischen sind die Berge viel zu steil. Und für anständige Loipen reicht der Platz nicht.“

          Mit der eiskalten Luft atmet man auf den Lofoten den Duft des trocknenden Stockfischs ein.

          Am nächsten Morgen wachen wir bei Möwengeschrei und strahlend blauem Himmel auf. Im Austnesfjord ist das Wasser so ruhig, dass sich die Berge spiegeln. Und was für welche! Schroffe Granitwände erheben sich kompromisslos und steil aus dem Meer. Sie sind nicht besonders hoch – der höchste Berg heißt Higravtind und bringt es gerade mal auf 1146 Meter. Aber die Gipfel und Grate ringsum sind so ausdrucksstark wie Viertausender in den Westalpen.

          Grandios und wild

          Der Sturm hat den Schnee in alle Scharten geblasen, jede Felszacke ist weiß verzuckert, Wechten hängen über Abgründen. Am Geitgallien wird unser Bergführer nervös. „Neuschnee und Meer vertragen sich nicht“, sagt Walter Hölzler. Weil in den vergangenen Tagen viel Schnee gefallen ist, herrscht Lawinenwarnstufe drei. Er achtet peinlich genau darauf, dass wir keinen Hang befahren, der steiler ist als 35 Grad. Aber die Abfahrt ist grandios: Im feinen Pulverschnee schweben wir von einem Schwung in den nächsten. Knapp über Meereshöhe kommen Krüppelbirken. Jeder muss seinen eigenen Weg zwischen Bäumen und Gestrüpp finden. Als wir die Skier abschnallen, macht Arnd aus schierer Lebensfreude auf einem Granitbrocken einen Handstand.

          Abends hat der Himmel ein zartes, beinahe durchsichtiges Blau, das Meer schimmert metallisch, wie die Dosen des Eisbärenbiers aus Tromsø. Am Ufer hängt an offenen Holzgestellen der Stockfisch. Auf diese traditionelle Weise konserviert man noch immer den Kabeljau: Der Fang wird an der Seeluft getrocknet. Früher wurde er auf dem Seeweg nach Bergen gebracht, von dieser Hansestadt führte der Handelsweg ins Mittelmeer. Von Portugal bis Italien gilt der Bacalao als Spezialität, die Holzgestelle auf den Lofoten, voll mit totem Fisch, sind allerdings nichts für empfindliche Ästheten.

          Das gute Wetter hält bis zur Rückfahrt. Auf dem Weg zum Flughafen sehen wir unsere Inseln mit anderen Augen. Wir haben einen Bezug bekommen: Diesen Grat haben wir bestiegen, an jenem Rücken kämpften wir mit dem Harsch. Am Sautind ist inzwischen alles verspurt, zwei Hänge weiter ist eine Lawine abgegangen. Wilde Berge liegen vor uns, nach ein paar Kurven reiht sich die nächste Kette auf, dramatische Gipfel ragen in unerschöpflichem Überfluss aus dem Meer. Susanne kneift die Augen zusammen und sagt melancholisch: „Hier gibt’s noch viel zu tun!“

          Der Weg auf die Lofoten

          Anreise Flug über Oslo nach Harstad/Narvik; von dort mit dem Auto auf einer spektakulären Straße mit Brücken und Tunnel in ca. zweieinhalb Stunden bis Svolvær.

          Beste Reisezeit für Skitouren sind die Monate März und April.

          Anforderungen Sicheres Skifahren bei wechselnden Schneebedingungen im Gelände, Kondition für bis zu drei Stunden Aufstieg.

          Veranstalter Acht Tage kosten inklusive Flug ab Frankfurt oder München, Unterkunft/Verpflegung, Bergführer für Kleingruppen bis max. sechs Personen ab 2390 Euro. Mehr Informationen bei: Alpine Welten, Telefon 0 73 44/ 9 29 14 40, alpinewelten.com

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