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Nordseeinsel Amrum : Nur Quasselstrippen grüßen „Moin, Moin“

  • -Aktualisiert am

Mit Toter Tante radelt es sich beschwingter

Und hier ist sie dann, die friesische Sommerfrische-Romantik mit Heckenrosen und Reetdach, Stockrosen und Eiscafé. Jetzt einen Eiergrog! Es wird in den nächsten Tagen während der beschwingten Fahrradfahrten über die Insel zu einer kleinen Tradition, im Nebeler Eiscafé „Nautilus“ Inselspezialitäten zu probieren. Alkoholische Getränke, die – hinter possierlichen Namen und unter Sahnehauben verborgen – vor allem dazu dienen, schon am helllichten Tage ohne schlechtes Gewissen Hochprozentiges zu konsumieren. Nach einer Tasse Tote Tante – die Mischung geht direkt in die Blutbahn – radelt es sich noch viel beschwingter. Zum Beispiel nach Steenodde auf der Suche nach dem ehemaligen Gasthof „Zum Lustigen Seehund“, der in der Geschichte des Amrumer Fremdenverkehrs eine wesentliche Rolle spielt.

Eine Weite, die beeindruckt, wenn sie nicht schon wieder bleiern grau ist: Am Strand von Norddorf.
Eine Weite, die beeindruckt, wenn sie nicht schon wieder bleiern grau ist: Am Strand von Norddorf. : Bild: dpa

Im Jahr 1903 logierten hier, aus Worpswede kommend, Paula Modersohn-Becker mit Mann Otto und Tochter Elsbeth. Das Künstlerehepaar machte auf Amrum nicht nur Ferien. Es wurde auch gezeichnet und skizziert. „Reiz, viel Reiz ist hier für uns zu finden. Die Friesendörfer mit ihrer charaktervollen Architektur und Coloristik regen uns sehr an. Und die Menschen! Die guten, anmutigen Holbeinfrauen mit ihrem friesischen, ernsten Kopfputz, ihrem blauen Streif am schwarzen Rock, ihrem Silberschmuck am Sonntag. Die sind prächtig anzusehen. Und die Männer! Mit ihrem schweren ernsten Seemannswesen nicht minder“, schrieb Paula nach Hause. Dieses unverfälschte Inselidyll existiert heute selbstverständlich nicht mehr, auch der „Lustige Seehund“ hat schon lange zugemacht. Wer eine originale Amrumer Tracht sehen möchte, muss ins Öömrang Hüs nach Nebel fahren, wo Frau Rümpler aus den Tiefen einer alten Holztruhe die komplizierten Teile hervorkramt, aus denen eine solche Tracht besteht. Der dazugehörige Silberschmuck ist in einem Vitrinenschrank ausgestellt.

Es muss sehr ärmlich, rauh und einsam gewesen sein

Das Ehepaar Rümpler, echte Amrumer mit staubtrockenem Humor und profundem Wissen über die Inselhistorie, engagieren sich im Öömrang Ferian, einem Verein für Amrumer Naturschutz, Geschichte, Kultur und Sprache. Und natürlich sprechen sie – wie die meisten Amrumer – Friesisch. Was sich ungefähr so anhört wie eine Mischung aus Plattdeutsch, Dänisch und Englisch. Unverständlich für jeden Nichtinsulaner. Der Öömrang Ferian (was schlicht Amrum Verein heißt) betreibt das Öömrang Hüs als eine Mischung aus Heimatmuseum, Archiv und Standesamt. Hier in der Guten Stube (a dörnsk auf Friesisch) kann man zwischen holländischen Kacheln und gußeisernem Ofen auch heiraten. Die Deckenbalken des Hauses, erzählt Herr Rümpler, stammten von an Amrums Küsten gestrandeten Schiffen. Das Bergen von Strandgut havarierter Schiffe war über Jahrhunderte hinweg eine der Haupteinnahmequellen der Insel. Neben der Jagd auf Wildkaninchen und Enten, dem Sammeln von Vogeleiern und karger Landwirtschaft. Es muss sehr ärmlich, rauh und einsam gewesen sein auf Amrum. Und etwas Weltenfernes umflort die Insel noch immer. Wenn Rümplers vom Festland sprechen, klingt das nach einem weit entfernten Kontinent.

Nach zwei, drei gräulich windigen Inseltagen macht sich mitunter Ratlosigkeit breit. Auch das viele Radfahren hat erschöpft. Mehr als zweimal am Tag kann man in der wunderbaren Norddorfer „Konditorei Schult“ nicht Friesentorte essen. Und mehr als ein Biedermeierkaffee oder Eiergrog täglich im „Nautilus“ ist auch nicht zu empfehlen. Noch einmal die 197 Stufen des Leuchtturms hinaufsteigen, um das grandiose Inselpanorama zu bewundern? An den Stränden spazieren wetterfest eingepackte Ehepaare mit ernsten Gesichtern am Wasser entlang, als seien sie von ihrem Reisebüro nicht in die Ferien, sondern ins Exil geschickt worden. Den Friedhof der St.-Clemens-Kirche mit seinen berühmten Grabsteinen möchte man vielleicht auch nicht zum dritten Mal besichtigen. So interessant die Lebensgeschichten der hier ruhenden Amrumer Kapitäne und Walfänger auch sind. Ein Hauch von Ferne und Seefahrerromantik auf dieser manchmal etwas skurrilen Insel.

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