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Nordseeinsel Amrum : Nur Quasselstrippen grüßen „Moin, Moin“

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Abwaschbare Playmobil-Dörfer aus den achtziger Jahren

Zweifellos ist die wilde Naturschönheit der Insel überwältigend, und das bei fast jedem Wetter. Zugleich hat sich Amrum – wie jede der Nord- und Ostfriesischen Inseln – einem ständig prosperierenden Seebadtourismus hingegeben, der unerfreulichere Spuren hinterlassen hat. Das beginnt schon in Wittdün bei der Ankunft. Wenn die „MS Rungholt“ abends am Fähranleger festmacht, der erste Blick auf den von Neonlicht beleuchteten Parkplatz fällt, vielleicht noch auf das Appartementhaus „Zur alten Post“ („mutiger Neubau aus dem Jahr 1973“), möchte man meinen, auf der Gefängnisinsel Alcatraz gelandet zu sein. Hier in Wittdün begann, relativ spät im Vergleich zu anderen Seebädern, 1890 Amrums touristische Erschließung.

Man muss es vielleicht nicht bedauern, dass von den gründerzeitlichen Hotelkästen, die während der vorletzten Jahrhundertwende in den Dünensand hineingestampft wurden, keines mehr erhalten ist; was auf Amrum allerdings an Nachkriegsarchitektur entstand, ist viel trostloser, als es das schlechteste Inselwetter je sein könnte. Wittdün, Süddorf und Norddorf sehen wie abwaschbare Playmobil-Dörfer aus den achtziger Jahren aus. Hier und dort duckt sich irgendwo ein reetgedecktes Friesenhaus, ansonsten reiht sich allerlei architektonische Trübsal aneinander. Zwischen Garagen und getrimmten Vorgärten führen gepflasterte Zufahrten zu Häusern die Seestern, Seemöwe, Seeadler, Nordlicht, Meeresbrise oder Waterkant heißen. Oft schmückt ein schmiedeeisernes Kunstwerk (Möwen im Flug, Segelschiff in voller Fahrt) die Fassade, oder es knattert eine Fahne irgendwo im Wind.

Eigentlich wird hier nichts geklaut

Die Insel lebt ausschließlich vom Fremdenverkehr, und die vielfach kolportierten Geschichten von Amrumern, die im Sommer in den Keller ziehen, um ihr Zuhause vermieten zu können, klingen nicht ganz unglaubhaft. Natürlich gibt es auch richtige Hotels wie eben das Romantikhotel „Hüttmann“ im Zentrum Norddorfs. Einen einzigen Vorteil hat der Aufenthalt in diesem Traditionshaus; der Wunsch, so wenig Zeit wie möglich im beige-braun eingerichteten Zimmer („Wohngefühl gepaart mit dezenter Eleganz“) oder am Frühstücksbuffet zu verbringen, verändert den Blick aufs unstete Wetter. Es könnte jetzt auch schneien. Hauptsache, raus! Und das heißt auf Amrum Fahrrad fahren.

„Wenn sie an den Strand fahren, dann schließen sie man besser ab. Aber eigentlich wird hier nichts geklaut. Diebe müssen ja auch erst mal von der Insel runterkommen“, sagt der blonde junge Mann vom Fahrradverleih Rialto. „Und wenn was ist, rufen Sie an. Wir kommen dann.“ Das klingt beruhigend. Und damit beginnt auch das Beglückende dieses Inselaufenthalts. Es gibt wahrscheinlich auf jeder Reise Augenblicke, von denen man augenblicklich weiß, dass man sie nie mehr vergisst. Auf dem Fahrradweg von Norddorf nach Nebel, unter den friedlich dahinziehenden Wolken, verfliegt unvermittelt nicht nur die Unzufriedenheit mit dem Hotel. Es ist wunderschön, hier entlangzuradeln, den Wind im Gesicht und den fernen Horizont mit dem silbrig glänzenden Meer im Blick. Manchmal hebt ein plötzlicher Sonnenstrahl einen Teil der Landschaft hervor, dann wird das Grün der Wiesen noch grüner und der vom Fahrrad aufgewirbelte Staub glitzert. Sehr fröhlich, vielleicht fast glücklich, kann man dann in Nebel ankommen.

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