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Im Alten Land : Schlafende Äpfel im weißen Blütenmeer

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Das größte Obstanbaugebiet nördlich der Alpen: Bis zu vierhunderttausend Tonnen Obst werden jedes Jahr im Alten Land südwestlich von Hamburg geerntet, vor allem Äpfel und Kirschen. Bild: EPA

Das Alte Land vor den Toren Hamburgs ist ein Idyll aus verschwenderischer Natur und norddeutschem Eigensinn. Denn erschaffen wurde es allein von schwer schuftender Menschenhand.

          Nehmen Sie ruhig Platz. Genießen Sie die Aussicht, ich sage Ihnen Bescheid.“ Das ist irgendwie reizend. Und die Aussicht? Das ist die Elbe mit dem Mühlenberger Loch. Auf der anderen Seite des Flusses liegen Blankenese, der Süllberg, Övelgönne und ein paar weiße Villen, versteckt im Frühlingsgrün. Es ist Ebbe, und so richtig viel Wasser ist nicht zu sehen. „Da drüben kommt gleich die Fähre“, sagt die Besitzerin von Sannis Elbkate zu ein paar wartenden Gästen. Dann kommen aber erst einmal die Pommes, und die schmecken richtig gut. „Ganz frisch“, sagt Sanni. Auf ihrem T-Shirt steht „Zuckerschnute“ und neben ihrem kleinen Imbisswagen ein Plakat mit dem launigen Text: „Je mehr du wiegst, desto schwerer kannst du entführt werden.“ Das ist norddeutscher Humor. Entwaffnend.

          Hier am Neuenfelder Hauptdeich kann man sich auch wie entführt vorkommen. Gleich neben Sannis Elbkate liegt das Sperrwerk Estemündung. Dahinter ragen die verwaisten Gebäude der ehemaligen Sietas-Werft in den norddeutschen Himmel. Wilde Industrieromantik zwischen sattgrünen Wiesen, rostigen Containerhalden und ersten Obstplantagen. Schon die Autofahrt hierher war zum Staunen, über die Köhlbrandbrücke hinweg in die Peripherie des Hafens hinein. Manchmal blitzte die Elbphilharmonie noch zwischen Kränen und Raffinerien hervor, dann leuchteten die Flugzeuge der Airbus-Werke auf der Elbinsel Finkenwerder in der Sonne, und plötzlich grasten schon Schafe am Deichhang. Ist das Alte Land wirklich so nah?

          „Sie merken sofort, wenn Sie ins Alte Land hineinfahren, und auch, wenn Sie es wieder verlassen“, hatte Kerstin Hintz vom Verein zur Anerkennung des Alten Landes zum Welterbe der Unesco am Telefon gesagt. „Das ist hier eine einzigartige Kulturlandschaft.“ Tatsächlich wird diese Reise ins Alte Land zu einem fast märchenhaften Erlebnis. Ein paar hundert Meter, und die Welt ist eine andere. Selbst der Himmel scheint seine Farbe zu ändern und noch blauer zu werden. Vor allem im Frühjahr, wenn bis Mitte Mai die Obstbäume blühen, kann eine solche Fahrt berauschend sein. Hat man je ein grüneres Grün gesehen? Ein zarteres Rosa? Und dieses Weiß, so strahlend, dass all die anderen Farben umso intensiver leuchten. Ein fast schon surreales Meer aus Blüten, so gesehen bislang nur in Akira Kurosawas Film „Träume“. Inmitten dieser norddeutschen Farbenpracht stehen dann die Altländer Bauernhäuser, keine schnuckeligen Reetdachkaten, sondern Fachwerkpaläste, in deren Fenstern sich die Frühlingssonne spiegelt. Das eicherne Fachwerk ist traditionell weiß, die aufwendig mit Buntmauerwerk verzierten Fassaden wirken dazu fast schon wie orientalische Teppiche. Was für eine Pracht! Und wie konnte man das alles vergessen?

          Mehr als zwanzig Millionen Obstbäume

          In einer Hamburger Kindheit der sechziger und siebziger Jahre war das Alte Land nicht unbedingt der Inbegriff von Aufregung und Spaß. Hier saß man eher einmal im Jahr mit Großeltern und Tanten in unbequemen Sonntagskleidern in Ausflugslokalen bei Kaffee, Kuchen und Fanta herum. Das Wetter war fast immer ein Problem, kleinere familiäre Verstimmungen gab es dazu, und abends lag man dann erschöpft im Bett. Nie wieder, das hoffte man. So ungefähr sieht die Erinnerung aus. Und nun – Jahrzehnte später – ist alles ganz anders. Der Kaffeegarten der Obstbaufamilie Feindt in Jork ist ein guter Ort, um sich von diesen Überraschungen zu erholen und zugleich von Erinnerungen einholen zu lassen. Robuste Kellnerinnen segeln mit ihren Tabletts über den Rasen. Natürlich blühen auch hier die Obstbäume, und einige der älteren Damen scheinen hinter ihren monumentalen Tortenstücken fast zu verschwinden. „Frühstück?“, fragt eine der Bedienungen, „wann sind Sie denn aufgestanden? Bei uns gibt es jetzt Kaffee und Kuchen. Ein Käsebrot wäre möglich.“ Oh ja, auch das ist sehr norddeutsch. So wie der Himmel über dem Alten Land, der kein Ende zu nehmen scheint.

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