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Nichts zu sehen in Moldau : Zum Käse gibt es kein Lächeln dazu

  • -Aktualisiert am

Besser, man stört sie nicht allzusehr: Verkäuferinnen auf dem Markt von Chisinau. Bild: Nadja Einzmann

Wenn man mit der Bahn von Odessa nach Chisinau fährt, kommt man aus der goldenen Ukraine ins arme Moldau. Dort sind sogar die Pflaumen staubig.

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          Moldau ist sehr anders als die schöne, goldene Ukraine. Moldau ist für uns Chisinau und die Ukraine ist Odessa. Von dort aus fahren wir los. Der Zug ist bestimmt noch aus den Sechzigern, tannengrün und mit großen runden VW-Käfer-Augen. Wir räkeln uns in unseren Sitzen, preisen uns, dass wir für ein paar Hrywnja und ein bisschen Schwitzen am Fahrkartenschalter eine Fahrt in solch einem Zug erobert haben, solch einem nostalgischen, gemütlichen, gutgelaunten Zug, mit gerafften Vorhängchen vor den Fenstern, prächtig polierten, altmodischen Holzbänken und einem Speisewagen, in dem Tee und Kaffee serviert werden in zarten, lilienblütenförmigen Tassen mit goldenem Rand. Wir trinken kühles „Chisinau blonde“, für das man keinen Flaschenöffner braucht. Der Deckel ist mit einer Lasche versehen, wie sie sonst nur Dosen haben. Felder und noch mehr Felder ziehen vor dem Fenster vorüber und dann ein Dorf mit ungepflasterten, sandigen Wegen und ein Flüsschen und dann wieder Felder und ein Pfad, auf dem in der Ferne ein einsames Moped unterwegs ist.

          Wir lehnen uns zurück und freuen uns: Über den raffinierten Bierflaschenverschluss, die hölzernen Bänke, die Frauen in ihren weiten bestickten Blusen und klobigen, weißen Sandalen, zu eng, um die rosa-geschwollenen Füße zu fassen. Wir freuen uns über das Fernseherchen über der Tür, das zu keinem Empfang bereit ist, und die Dämmerung, die jetzt einsetzt und alles in ihr sanftes Licht hüllt. Eine Grenzbeamtin in kurzem, blauem Rock und mit hochhackigen Pumps kontrolliert unsere Ausweise und zeigt ihre schönen, langen, braunen Beine her, während die goldenen Litzen an ihrer Uniform glänzen.

          Sozialistenchic im höchsten Hotel der Stadt

          Dann Transnistrien, das so klein wie berüchtigt ist, so dass wir es nicht wagen, auszusteigen. Wir fahren weiter und lassen unsere Ausweise noch einmal kontrollieren von zwei breitschultrigen Männern in Tarnbeige mit massiven Oberarmen und Bürstenhaarschnitt, die Pistolen schwer im Halfter an der Seite. Nichts kann uns heute die Stimmung verderben. Auch nicht, dass der Zug irgendwann langsamer wird und dann lange, sehr lange stehenbleibt vor einem üppig mit Wein berankten Bahnhofsgebäude, über dessen kieselsteinverkleidetem Portal die rot-gelb-blaue moldauische Flagge flattert. „Nicht schon wieder“, sagt eine junge Frau, und: Gerade heute bekomme sie doch Besuch. Sie ist Litauerin, aber mit einem Moldauer verheiratet, der eigentlich Ukrainer sei. Seine Mutter sei nämlich noch zu Zeiten der Sowjetunion unschuldig aus der Ukraine eingewandert und dann plötzlich von Grenzen umgeben gewesen. Ob ihr Chisinau gefalle? Sie lacht: „Ach, nein, wirklich nicht.“ Und es gäbe auch nichts, das sich dort zu besichtigen lohne. Es gebe ein französisches Café, das schön sei, das ja. Aber sonst nichts, gar nichts. Nur der Liebe wegen sei sie hier in dieser schrecklichen, düsteren Stadt. Sie hoffe, dass ihr Mann bald anderswo einen Job finde.

          In Chisinau regnet es dann, wie es in Odessa nie geregnet hat, und die Straßen sind munter plaudernde Flüsschen. Der moldauisch-ukrainische Ehemann lächelt durch den Regen hindurch strahlend seine Frau an und umarmt sie kräftig. Er ist blond und sehr blauäugig und hat ein breites Zahnpastalächeln. Nein, sagt er, hier gebe es wirklich nichts, das sich zu besichtigen lohne, gar nichts. Er empfiehlt uns das größte und höchste Hotel in der ganzen Stadt. Eine Reiterstatue reckt sich davor, und innen zeugt alles vom angegangenen Chic der sozialistischen Achtziger. Im Zimmer verbreitet die Klimaanlage einen Geruch von Schimmel und brüchigem Kunststoff. Im Fenster, das sich nicht öffnen lässt, spiegelt sich trübe der Raum mit der fedrig gemusterten Tapete in Lila und Grau und das Bett mit dem beigefarbenen Bettüberwurf, unter dem sich unschlüssig die schiefen Kissen ducken.

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