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Sommerserie „Ortsmarke“ : Nichts als die nackte Wahrheit

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Der malerischste Anblick in Bad Schwartau: Triton entführt Nereide, ohne eine Strafverfolgung durch die Richter des Amtsgerichts im Hintergrund fürchten zu müssen. Bild: Franz Lerchenmüller

Marmelade natürlich und Kurgäste. Doch Bad Schwartau wurde auch von Thomas Mann geadelt. Und es hat noch viel mehr Facetten, so viele, dass es Lübecker Lästerzungen beinahe die Sprache verschlägt.

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          Lästerzungen behaupten gern, das Beste an Bad Schwartau sei das Gute darum herum: die nahe Ostseeküste, die Hügel der Holsteinischen Schweiz, das Curauer Moor, die Hansestadt Lübeck. Solche Lästerzungen kommen bevorzugt aus Lübeck und können es den Schwartauern nicht verzeihen, dass diese gern mit ihren zweitausend kostenlosen Parkplätzen werben und den Nachbarn, die sich fürs Parken ordentlich bezahlen lassen, Kunden abspenstig machen. Denn der eine oder andere Lübecker lässt sich so doch nach Norden locken, muss dann aber feststellen, dass mit Blick auf ein Blechmeer auch nicht besonders gemütlich Eis essen ist, und kehrt zurück, mit ein paar neuen Hemden und einer alten Erkenntnis im Gepäck: Das Beste an Bad Schwartau und so weiter. Wir wissen, wovon wir reden. Wir gehörten zu diesen Lästerzungen. Doch seit wir uns endlich einmal länger eingelassen haben auf Bad Schwartau, wissen wir es besser: Es ist Zeit für Umkehr, Reue und Ehrenrettung.

          Die gute Stube von Bad Schwartau ist der Marktplatz. Umstanden wird er von einem Rathaus im Stil der sechziger Jahre, vier Banken, einem Italiener und dem Amtsgericht von 1910, über dessen Neorenaissanceportal Justitia mit Waage und Roland mit Schwert wachen. Die große Attraktion aber ist der Brunnen mit dem Namen „Im Spiel der Wellen“: Eine nackte Schöne räkelt sich auf einem geheimnisvollen Zwitterwesen mit Schwanzflosse und Vorderbeinen, mythologischer Rätselstoff für Absolventen altsprachlicher Gymnasien. Und die Auflösung lautet: Triton entführt Nereide. Das Original des heimischen Künstlers Paul Peterich wurde 1912 hier aufgestellt und 1943 für den Endsieg eingeschmolzen, die Kopie stammt von 1997.

          Autogrammkarten von Katja Ebstein

          Überhaupt darf man den Bad Schwartauern eine gewisse Vorliebe für unbedeckte Haut nachsagen. Vor der Stadtbücherei am Markt präsentiert sich „Die Leserin“ rank und schlank und hüllenlos, wie der Bildhauer sie in Bronze gegossen hat. „In libris veritas“, in Büchern stehe die Wahrheit, steht in ihrem Buch, und so lädt nichts als die nackte Wahrheit Jung und Alt in Bad Schwartau zur Lektüre ein. Auch vor einer Apotheke zieht die Kunst blank: Rücken an Rücken recken Mann und Frau mit den idealen Proportionen, wie der Architekt Vitruvius sie gedacht und Leonardo Da Vinci sie gezeichnet hat, ihre Glieder über den Bürgersteig.

          Das bekannteste Produkt aus Bad Schwartau stellt in seinem Logo gar nicht Bad Schwartau dar.

          Die Skulptur schmückt die Lübecker Straße, die Keimzelle der Stadt. Entlang dieser langgezogenen Achse standen die ersten Häuser des Ortes, hier ließen sich im achtzehnten Jahrhundert Handwerker wie Nagelschmiede, Zinngießer und Korbflechter nieder. Richtigen Aufschwung nahm der Marktflecken aber erst während der Industrialisierung und der Gründerjahre. Kleine Fabriken für Schwefelhölzer, Hüte und Bonbons schossen aus dem Boden, Kinderarbeit war gang und gäbe, und die Bauplätze wurden teuer. Wer bauen wollte, verpflichtete sich, vor seiner Fassade vier Linden zu pflanzen und zu pflegen. Auch heute säumen junge Exemplare dieser Bäume die gepflasterte Straße und adeln sie zur Allee. Hörgeräte, Döner, Fahrräder, Parkettböden, Kinderkleider, Blechhühner, homöopathische Kügelchen, Diamantringe – so ziemlich alles, was der Mensch braucht oder zu brauchen glaubt, ist an der Lübecker Straße zu haben. Dazwischen verkauft eine Trödlerin Autogrammkarten von Katja Ebstein, im Südafrika-Geschäft gibt es Küchenbretter aus ausgemusterten Eichenfässern von den Winelands, und das Einrichtungshaus offeriert neben viel schwarzem Leder, alter Eiche und mattem Aluminium auch kostbaren Rum und teuren Reis aus Portugal.

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