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Neuengland : Sägt die Bäume ab, um die Wälder zu retten!

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Meist spielt auch die Witterung mit, denn zwischen Mitte September und Anfang November stellt sich im amerikanischen Nordosten in der Regel eine ruhige, sonnige Wetterlage ein, die in Europa als Altweibersommer oder Goldener Oktober bekannt ist, hier traditionell als „Indian Summer“ bezeichnet wird. Woher der Begriff stammt, der wohl im frühen achtzehnten Jahrhundert entstanden ist, lässt sich heute nicht mehr feststellen; von einem halben Dutzend Erklärungen, Geschichten und Legenden kann keine wirklich überzeugen. Und doch, so meint die Political correctness vieler Amerikaner, hafte dem Begriff etwas Negatives, Diskriminierendes an, weshalb man in Neuengland inzwischen fast ausschließlich von „fall foliage“ spricht, der herbstlichen Laubfärbung.

Wie auch immer die Einheimischen das Phänomen bezeichnen mögen, auf jeden Fall unterstützen sie die malerische Natur nach Kräften. Holzhäuser und Kirchen in ihren heimeligen Dörfern leuchten in makellosem Weiß oder Rot, auf Streuobstwiesen glänzen Äpfel und Birnen in der Herbstsonne, in den Vorgärten lagern stapelweise Kürbisse, die in ihren Farben beinahe die ganze Palette der Laubfärbung nachahmen. Das Städtchen Kent in Connecticut mit seinen überdachten Holzbrücken, das seit zwei Jahrhunderten unveränderte Ortsbild von Deerfield in Massachusetts oder das mondäne Woodstock in Vermont mit seinen Villen und Parks putzen sich im Herbst noch mehr heraus als zu anderen Jahreszeiten. Diese und andere Besuchermagneten reihen sich ein ins Große und Ganze der Dörfer und Streusiedlungen am Straßenrand, die Neuengland zu dem klassischen Postkartenidyll machen, das so sehr im Kontrast steht zu den Skylines und ausufernden Vorstädten der amerikanischen Metropolen.

Schönheit und Nutzen gehen Hand in Hand

Aber auch hier ist längst nicht alles in Ordnung, das farbige Bild bekommt Risse. Zwar bleiben die meisten Wälder auf öffentlichem Grund in der Regel unangetastet oder werden nachhaltig bewirtschaftet. Doch weil die Bäume von Jahr zu Jahr größer und wertvoller werden, wächst für den Staat und private Landbesitzer die Versuchung zur Abholzung gleich mit. Die größte Gefahr droht dem Wald von außen, vom „urban sprawl“: Das Wachstum der Städte und der ausufernde Bedarf an Flächen für Wohnsiedlungen, Einkaufszentren, Straßen und Parkplätze setzt die Wälder unter Druck. So ist Massachusetts zwar einer der am dichtesten bewaldeten Staaten überhaupt, und sogar rund um Walden Pond, dem legendären See, an dem sich Henry David Thoreau 1845 für sein naturphilosophisches Werk „Walden“ inspirieren ließ, ist der Baumbestand heute dichter als damals. Doch besitzt Massachusetts gleichzeitig die drittgrößte Bevölkerungsdichte aller amerikanischen Staaten, und so werden hier jeden Tag zwanzig Hektar Freiflächen für Baumaßnahmen geopfert.

Die Lösung könnte in einer Parole liegen, die nur auf den ersten Blick paradox erscheint: „Cut trees to save the forest“ – sägt Bäume ab, um die Wälder zu retten. Mit finanzieller Förderung von kontrollierter, nachhaltiger Bewirtschaftung ihrer Wälder sollen private Landbesitzer animiert werden, den lukrativen Angeboten von Immobiliengesellschaften zu widerstehen und ihren Grund und Boden nicht zu verkaufen, sondern langfristig als Wald zu erhalten. So könnte zugleich der Holzbedarf statt aus Kahlschlägen in British Columbia, Brasilien oder Malaysia aus lokalen Quellen gedeckt werden, eine Idee, die bei der Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten in Neuengland schon längst populär ist.

Der Erhalt der Wälder im Nordosten des amerikanischen Kontinents ist auch deshalb geboten, weil sie nicht nur der Erholung von Touristen dienen, die sich hier jeden Herbst an den Farbspektakeln erfreuen. Er erweist sich zunehmend auch als Notwendigkeit im globalen Klimaschutz. Zwar nehmen die Wälder der gemäßigten Zone nicht so viel Kohlendioxyd auf wie die tropischen Urwälder, doch das anhaltende Wachstum der relativ jungen Bäume führt zur Absorption von mehr und mehr Kohlendioxyd, während die Vernichtung von Wäldern am Amazonas und in Südostasien deren Aufnahmekapazität kontinuierlich verringert. So wird ein Wald, den es vor hundert Jahren noch nicht einmal gab, zum immer wichtigeren Global Player beim Klimaschutz. Und so könnten Schönheit und Nutzen endlich einmal Hand in Hand gehen.

Der Herbst in Neuengland

• Vermont: Mount Mansfield und Killington Mountain sind die Herzstücke der Blattfärbung in den Green Mountains, die sich von Nord nach Süd quer durch den gesamten Staat erstrecken. Wanderwege findet man dort überall, und südwestlich der Hauptstadt Montpelier durchqueren vier kurvenreiche „Gap Roads“ das Gebirge spektakulär von Ost nach West.

• New Hampshire: Großartige Berglandschaften mit Laubfärbung liegen im Norden der White Mountains. Rund um Mount Washington, Cannon Mountain und Franconia Notch befinden sich beliebte Wanderregionen; der Kancamagus Highway zwischen Conway und Lincoln erschließt den bunten Herbst auf vortreffliche Weise für Autofahrer.

• Maine: Zwar ist die zerfaserte Küstenlandschaft die eigentliche Attraktion des Bundesstaates, doch finden sich im Landesinneren viele herbstlich gefärbte Wälder, vor allem rund um Sugerloaf Mountain, den Grafton Notch State Park sowie im Baxter State Park.

• Massachusetts: Die Berkshire Mountains im nordwestlichen Zipfel des Staates weisen die brillanteste Herbstfärbung auf – in der Wanderregion rund um Mount Greylock ebenso wie entlang der kurvenreichen Bergstraßen Mohawk Trail und Jacob’s Ladder.

• Connecticut: Obwohl weniger bekannt, präsentiert sich der Herbst besonders eindrucksvoll in den Litchfield Hills im Nordwesten des Staates. Berge und Dörfer zwischen Salisbury und Kent vereinen sich dort zu einem liebenswürdig ländlichen Neuengland wie aus dem Bilderbuch.

• Rhode Island: Der kleinste amerikanische Bundesstaat besitzt seine schönsten Waldstücke rund um einige Seen im Nordwesten und entlang des Blackstone River im Nordosten. Vor allem jedoch dominiert zur Abwechslung die Farbe Blau – sechshundert Kilometer lang ist die zerklüftete Küstenlinie mit ihren Buchten, Inseln und Halbinseln.

• Information: Aktuelle Berichte über den Stand der Laubfärbung bekommt man täglich im Internet auf Seiten wie www.leafpeepers.com oder www.yankeefoliage.com. Allgemeine Auskünfte: Discover New England, c/o Get It Across Marketing und PR, Neumarkt 33, 50667 Köln, Tel.: 02 21/47 67 12 11, www.neuenglandusa.de.

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