https://www.faz.net/-gxh-92f7u

Neuengland : Sägt die Bäume ab, um die Wälder zu retten!

  • -Aktualisiert am

Landschaftliche Schönheit galt als wertlos

Doch das Urlaubsidyll wurde bedroht durch die abermalige Abholzung. Die Holzindustrie rückte mit mobilen Sägemühlen an und agierte nach dem Motto „cut and get out“ – nach dem Kahlschlag zog man einfach weiter. Die Lobby der Holzfäller und Papierfabriken widersetzte sich jeglicher Naturschutzgesetzgebung mit der Parole: „Not one cent for scenery“, denn landschaftliche Schönheit und Unberührtheit galten als wertlos. Doch in diesem Auf und Ab von Wachstum und Abholzung der Kiefern bekamen langsam wachsende Baumarten plötzlich eine Chance. Eichen, Ahorn, Eschen, Buchen und Birken wuchsen im Laufe von Jahrzehnten zu einem ökologisch vielseitigen Mischwald heran. Parallel dazu entwickelte sich im zwanzigsten Jahrhundert zunehmend ein Bewusstsein für den Wert des unberührten Waldes, und der Staat kaufte große Ländereien aus Privatbesitz. Während die Nationalparks und Naturschutzgebiete im Westen des Landes von vornherein auf staatlichem Boden entstanden, wurde mit dem White Mountain National Forest zum ersten Mal privates Land in geschütztes öffentliches Eigentum überführt. Im Staat New Hampshire sind inzwischen wieder mehr als achtzig Prozent der Fläche bewaldet.

Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hatten die Siedler einen großen Teil der Wälder Neuenglands abgeholzt und abgebrannt.

Wild und ohne Plan ist dieser Sekundär- und Tertiärwald in den vergangenen hundert Jahren gewachsen, ein bunter Patchwork-Teppich, der malerisch in die Landschaft gerollt ist. Beständig springt das Auge von einzelnen bunten Baumkronen und dem Blättergewirr am Boden hinaus in die Ferne, von deutlich unterscheidbaren Farbtupfern in der Nähe auf die verwischte Farbpalette ganzer Täler und Berge. Auf dem 1064 Meter hohen Gipfel von Mount Greylock geht der Blick sogar weit hinaus auf die herbstlich angemalten Staaten Massachusetts, New York, Connecticut, Vermont und New Hampshire. An Flüssen und Seeufern verdoppelt sich die farbige Pracht noch einmal im Spiegelbild. Bei Regenwetter mag der Farbenglanz in der Ferne verblassen, doch die Bäume in der Nähe leuchten unter dem Film von Feuchtigkeit auch ohne einen einzigen Sonnenstrahl. Im Nebel wiederum reflektieren die Farben wie auf einer nachträglich kolorierten Schwarzweißfotografie.

Eine Laub-Armada aus fragilen Flößen

Von Nord nach Süd bewegt sich die Farbgebung im Laufe des Herbstes, von niedrig gelegenen Tälern hinauf ins Gebirge. Auch wer am selben Ort bleibt, wacht deshalb jeden Morgen in einer neu gefärbten Umgebung auf. Gleichzeitig verlagert sich die bunte Pracht langsam von Bäumen und Büschen auf den Boden. Herbstliches Blattkonfetti sammelt sich zu abstrakten Kompositionen auf der Erde, und in den Flüssen und Bächen schwimmt eine Laub-Armada aus fragilen Flößen und Schiffchen. Dann ist Zeit für die Betrachtung der Details gekommen, denn jedes Blatt ist ein Kunstwerk für sich, das man einsammeln und einrahmen möchte. Auf dem Wanderpfad des Appalachian Trail, der sich mehr als tausend Kilometer über die Höhenzüge Neuenglands erstreckt, kommt man dieser Blätterkunst besonders nahe, denn über weite Strecken marschiert man unter bunten Baumkronen auf einem weichen Laubteppich.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.