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Namibia : Da steht was an der Wand

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Viele der Felsen sind übersät mit Gravuren, so wie die sieben Meter lange „Götterplatte“: Zu sehen sind Nashörner, Zebras, Springböcke, Strauße - und Menschen. Bild: Peter Breunig, Goethe-Universität

In Namibia entdeckt ein ehemaliger Landvermesser eine der größten Ansammlungen von Felskunst in Afrika. Jetzt stürzt sich die Forschung auf den kulturhistorischen Schatz, auch Touristen könnten künftig dorthin finden.

          Große, wohlgenährte Menschen mit ausgestreckten Armen, filigran gravierte Nashörner, Zebras und Strauße, mit Punkten übersäte, fast lebensgroße Elefanten: Das, was Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt derzeit im Nordwesten Namibias entdecken, muss für jeden Archäologen ein Traum sein. Vierhundert Kilometer von Namibias Hauptstadt Windhoek entfernt haben die Forscher mittlerweile elftausend Felsbilder an mehr als zweihundert Fundstellen erfasst – nur zweitausend davon stammen aus Twyfelfontein, dem nahen Weltkulturerbe der Unesco. Der Rest war bislang völlig unbekannt.

          Alles begann an einem Dezembertag des Jahres 2000. Der ehemalige Landvermesser Joe Walter war mit seiner damaligen Frau in der menschenleeren Region südlich des Huab-Trockenflusses unterwegs. Beim Wandern entdecken sie an dem Ort, den sie heute „Backenzahn“ nennen, eine über und über mit Malereien versehene Höhle und mehr als hundert Gravuren. Immer mehr Felsbilder findet Walter in der Folgezeit. Er nimmt die GPS-Daten auf und zieht Peter Breunig, Professor für afrikanische Archäologie an der Goethe-Universität Frankfurt, hinzu. Seit 2012 besuchten beide die Gegend mehrere Male im Jahr, um Pilotstudien vorzunehmen. 2017 lief das heute von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) getragene Projekt an.

          Aus reiner Freude am Dekorieren geschaffen?

          Doch die Kernfragen vermögen die Forscher bislang nicht zu beantworten: Wie alt sind die Gravuren? Wer sind die Urheber? Wofür wurden sie gemacht? „Wir sind sicher, dass die Felsbilder von frühen Jägern und Sammlern geschaffen wurden. Sie besaßen nicht viel mehr, als sie tragen konnten, lebten in kleinen Familienverbänden und waren ständig unterwegs, weil die lebensnotwendigen Ressourcen nirgendwo endlos sind“, sagt Breunig. Auch die Frage nach den Motiven für die Erschaffung ist ungeklärt. Wurden die Bilder aus reiner Freude am Dekorieren geschaffen? Handelte es sich um Jagdzauber? Oder stammten sie von Schamanen, die darstellten, was sie in Trance erfahren hatten? Breunig glaubt nicht daran. „Es sind ganz naturalistische Bilder. Möglicherweise sind sie schlicht als Manifestation territorialer Ansprüche auf die knappen, aber verlässlichen Ressourcen in der Wüste zu verstehen.“

          Bis heute sind die Orte, an denen Joe Walter und der Archäologe Peter Breunig von der Goethe-Universität Frankfurt Tausende Felsbilder entdeckten, auf keiner Landkarte verzeichnet.

          Den vielleicht spektakulärsten Fund machten die Forscher in einem nur schwer zugänglichen Talkessel. Dort stießen sie mit Hilfe von Joe Walter auf eine Fülle von Gravierungen, darunter eine fast lebensgroße Giraffe, mit 3,5 Metern die größte bekannte Gravierung Namibias, mehrere ebenfalls beinahe lebensgroße Elefanten sowie eine neun Meter lange Wand mit einer bis dato einzigartigen Dichte von mehr als 330 einzelnen Gravierungen, die sie „Newspaper Wall“ tauften. Und sie entdeckten einen sieben Meter langen Fries, auf dem neben Tieren auch Menschen mit ausgestreckten Armen dargestellt sind, die wie Priester ihren Segen austeilen. „Etwas Vergleichbares ist uns bislang in Namibia nicht bekannt“, sagt Breunig. Wegen der kräftigen Figuren, die viel besser genährt zu sein scheinen als viele der an anderen Fundstellen gravierten Menschen, nannten die Wissenschaftler den Ort später scherzhaft „Götterplatte“.

          Viele der Gravierungen zeigen Menschen mit ausgestreckten Armen, die wie Priester ihren Segen austeilen.

          Eine der wichtigsten Fragen, die sich die Archäologen stellen, ist die nach dem Alter. Zwischen den Zeilen hört man von den Wissenschaftlern, die ältesten Gravuren könnten mehr als 10 000 Jahre alt sein, die jüngsten 500. Doch niemand will sich festlegen. Fest steht, dass eine magische Wirkung von den Felsbildern ausgeht. Und dass irgendwann die ersten Besucher kommen werden, denn die Gegend um Twyfelfontein wird jedes Jahr von 50 000 Touristen besucht. Die Frage ist nur, wie der Tourismus mit den Entdeckungen, die sich bis weit nach Westen in die Namib-Wüste ausbreiten, umgeht. Nach der Erfahrung mit der „Weißen Dame“, Namibias wohl bekanntestem Felsbild am Fuß des Brandbergs, ist zu hoffen, dass dies möglichst behutsam geschieht. Seit Jahren ist die Felszeichnung durch ein Metallgitter geschützt, weil Touristen sie mit Cola bespritzt hatten, um das Bild kontrastreicher zu machen.

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