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Zeitgeist : Ganz einfach eine gute Tasse Tee

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Vielschichtig und wohltuend: Die bunte Welt des Tees Bild: ASSOCIATED PRESS

So soll es sein, so ist es leider allzu selten: schwarzer Tee, der golden in der Tasse steht. Wir wollen weder Gurkenbowle noch warme Darjeeling-Schokolade: Warum müssen Teetrinker auf Reisen so viel leiden?

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          Warum trinkt man Tee? Es hat wie bei fast allem, das der Mensch liebt oder hasst, mit seiner Kindheit zu tun. Wer das Getränk nur als schwach das Wasser färbenden Kamillenteebeutel bei Bauchschmerzen kennenlernte oder beim Krankenhausbesuch den roten Früchtetee in gewaltigen Kantinenkannen auf dem Flur stehen sah, ist für jeden Teegenuss erst einmal verloren. Wer dagegen in einem Teetrinkerhaushalt groß wurde, wird lebenslang bei der Meinung bleiben, dass Kaffee, von Ausnahmefällen in Italien, Frankreich oder Spanien abgesehen, doch nur ein etwas sauer schmeckendes Suchtmittel sei - und in der gefälligeren Form von Latte Macchiato oder Milchkaffee kein Getränk, sondern ein Sattmacher wie Kartoffelsuppe.

          Das aber ist leider eine Minderheitenmeinung. Auf Reisen wird das dem Teetrinker durch alle emotionalen Höhen und Tiefen bewusst. Er will ja nur eine gute Tasse frisch gebrühten Blatttees - und was wird ihm angetragen? In einem Hotel in Dresden von einer blonden Fee im Sari Teeeiswürfel in Champagner; in Berlin in einem sehr elitären Club nach einfühlender Anamnese der Befindlichkeit durch den Barchef etwas Wellness-Ayurveda-Süßliches, das strenggenommen kein Tee ist, sondern ein parfümierter Kräuteraufguss; in München in einer Cigar Lounge ein Kindergeburtstagsgetränk namens „Warme Darjeeling-Schokolade“ mit Kakao, Schlagsahne und geriebener Muskatnuss. Und dabei handelt es sich, das ist kein Treppenwitz, sogar um eine Kreation des Spitzenverbands der deutschen Teebranche in Hamburg.

          Exzentrisch oder krank?

          Von ihm stammt auch die Empfehlung, zum mediterranen Lachsfilet auf Papardelle anstelle eines leichten Weißweins einen „kräftigen Assamtee“ zu trinken. „Darjeeling statt Bordeaux, Assam statt Rioja - immer häufiger wird in der Top-Gastronomie aromatischer Tee als Begleitgetränk serviert“, lesen wir auf der Homepage des Verbandes, „nach New York, Paris und Moskau erobert dieser neue Trend jetzt auch Deutschland.“ Bislang ist das ein frommer Wunsch geblieben. Tee war das erste warme Getränk, das der Mensch zuzubereiten lernte, und Tee ist noch immer das am weitesten verbreitete. Sobald jedoch ein Teetrinker seine heimischen Teebüchsen, Wasserfilter, Siebe und Kannen verlässt, kann er das statistische Faktum vom allgegenwärtigen Tee kaum noch glauben.

          Egal, auf welchem Kontinent: Wer Tee im Restaurant oder Hotel bestellt, gilt seiner Umwelt entweder als Mensch mit schwachem Magen oder als exzentrisch. Das ist Erkenntnis Nummer eins. Erkenntis Nummer zwei: Berühmte Häuser schützen vor seltsamen Erfahrungen nicht. Im Spitzenrestaurant mit zwei oder drei Michelin-Sternen zählt „Tee“ zu einer vernachlässigten Disziplin, gern wird eine Riesenkanne dünnen Zinnkrauttees als Nonplusultra anstelle des üblichen Espresso serviert. Umgekehrt ergeht es dem Gast beim Zimmerfrühstück im Hotel. Hier wird er im Allgemeinen durch die sehr knapp gehaltene Zuteilung - im besten Fall heißen - Wassers mit einem dickflüssigen Teekonzentrat in der Tasse konfrontiert, das er dann am Warmwasserhahn im Bad verdünnen muss.

          Hundertundeine Sorte Parfümiertes

          Der Teetrinker kann sich selbst in seinem Stammhotel nie sicher sein, was ihm diesmal als Frühstückstee präsentiert wird: der sprichwörtliche Beutel zum Anfärben der lauen, leicht nach altem Kaffee müffelnden Flüssigkeit aus der Warmhaltekanne oder, was leider selten vorkommt, ein regelrecht mit weichem Wasser sprudelnd im Teegefäß aufgegossener First Flush Darjeeling, nach zweieinhalb Minuten vorsichtig abgegossen in die vorgewärmte Kanne. Typisch sind die Teebuffets, ob auf dem Flussschiff oder im Hotelrestaurant: Aromatisiertes von Pfirsich bis Silberdistel dutzendfach, ein unparfümierter Tee ist erst nach langem Suchen zu entdecken.

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