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Zamość : Idealstadt, Weltkulturerbe, Provinz

Im Herzen von Zamosc: das Rathaus Bild: Thomann

Ein architektonisches Kleinod und ein Ort, an dem Wirtschaft und Wissenschaft blühten, eine steinerne Wirklichkeit gewordene Idealstadt: Zamość im Südosten Polens hat eine glorreiche Vergangenheit. Nun baut die Stadt an ihrer Zukunft.

          6 Min.

          Es klingt alles so einfach, wenn man es heute in den Geschichtsbüchern liest. Im Jahre 1578 beauftragte der polnische Magnat Jan Zamoyski den italienischen Architekten Bernardo Morando damit, auf seinen Ländereien eine Stadt zu bauen. Zwei Jahre später begannen die Arbeiten.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dort, wo zuvor freies Land war, wuchsen Häuser und Straßen in geometrischer Anordnung empor, mehrere Kirchen, ein Schloss und gewaltige Festungsmauern. Wenige Jahre später zogen Kaufleute in die entstehende Stadt. Als die Arbeiten im Jahre 1605 abgeschlossen waren, war Zamość nicht nur ein architektonisches Kleinod, sondern auch ein Ort, an dem Wirtschaft und Wissenschaft blühten und Menschen verschiedener Nationen friedlich zusammenlebten: eine, wie es Architekt und Bauherr vorgeschwebt hatte, steinerne Wirklichkeit gewordene Idealstadt.

          Von der Idealstadt zum Idyll

          Die rasante Entwicklung von damals kann man nur erahnen, wenn man heute durch das im Südosten Polens gelegene Zamość streift. Ein Kleinod ist dessen Altstadt noch immer, vom einst geschäftigen Treiben aber spürt man nichts mehr. Einheimische Touristen in überschaubarer Zahl laufen die Arkaden entlang, steigen die mächtige Freitreppe des zweiundfünfzig Meter hohen Rathauses hinauf oder entspannen unter den Sonnenschirmen der Cafés am Großen Marktplatz.

          Historische Bürgerhäuser säumen den Marktplatz
          Historische Bürgerhäuser säumen den Marktplatz : Bild: Thomann

          Die Idealstadt ist im einundzwanzigsten Jahrhundert zum Idyll geworden, dessen Frieden nur eines stört: Es wird wieder gebaut in Zamość. Nicht so großflächig wie zu seiner Gründerzeit, aber doch in solchem Ausmaß, dass der Spaziergänger immer wieder auf Absperrungen stößt, auf Gassen mit aufgerissenem Pflaster und Wasserrohre, die aus dem Boden ragen. Anders als damals ist der Geldgeber kein vermögender Großadliger, sondern die Europäische Union.

          Padua des Nordens

          Jan Zamoyski, geboren 1542 und gestorben 1605, war Sekretär des Königs, später als Kanzler und dann Großkanzler einer der reichsten und mächtigsten Politiker des Landes, als Hetman außerdem der zweithöchste Feldherr nach dem König, der sein Können in zahlreichen Schlachten unter Beweis stellte. Zugleich war Zamoyski ein Intellektueller, Freund und Förderer der Künste, der in Straßburg, Paris und Padua studierte, den Doktor der Rechte erwarb und kurze Zeit als Rektor der Universität Paduas amtierte. Dort entstand seine Idee, eine Stadt nach italienischem Muster zu formen, eine Spätrenaissancestadt als „Padua des Nordens“.

          Aus dem damals polnischen Lemberg, in dem viele ausländische Architekten arbeiteten, holte er Bernardo Morando. Morando schuf den fünfeckigen Grundriss einer sechshundert mal vierhundert Meter umfassenden Stadt mit einem schachbrettartigen Straßennetz, entwarf die wichtigsten Bauten und gab Vorgaben für die anderen. Im Zentrum ließ er den hundert mal hundert Meter großen Marktplatz anlegen, den Rynek Wielki, gleich daneben den Salz- und den Wassermarkt; dies war das Herzstück im anthroposophischen Baukonzept, bei dem das Schloss Zamoyskis als „Kopf“ über die Hauptstraße als „Wirbelsäule“ mit der Stadt verbunden wurde. Umgeben war Zamość von Festungsmauern mit sieben Bastionen, drei Stadttoren und Wassergräben. Wehrhaft und doch offen sollte Zamość sein, das 1594 mit seiner Akademie die erst dritte Hochschule in Polen erhielt. Italiener, Deutsche, Spanier, Engländer, Holländer und Schotten ließen sich bald hier nieder.

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