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Wolfsburg : Wissenschaft ist Kindersache

Expressionismus in Beton: Zaha Hadids Wissenschaftsmuseum Phaeno in Wolfsburg. Bild: Jan Grothclags

Wissenschaft macht Spaß, vor allem Kindern. Das Science Center Phaeno in Wolfsburg zeigt mit der neuen Sonderausstellung „Spürsinn“ meisterhaft, wie das funktioniert - und wie man auf einem Nagelbett bequem liegt.

          Der ICE-Bahnhof in Wolfsburg ist eine karge Baracke. Und die Gegenseite, jenseits des Mittellandkanals, ist auch nicht einladender. Aber so sieht die neusachliche Industriearchitektur der Volkswagenwerke mit ihren vier riesigen Backsteinschornsteinen nun einmal aus. Von der urbanistischen Insel der "Autostadt", einem Themenpark mit Museen und VW-Markenpavillons, sieht man bei der Ankunft zunächst kaum etwas. Dann tritt man aus dem Bahnhof heraus, blickt ohne große Erwartung um sich und bleibt auf der linken Seite staunend hängen. Man denkt nur "wow", auch wenn man das sonst nicht so oft denkt. Denn dort steht das Phaeno.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Zur Eröffnung im Jahr 2005 war viel Lobendes über dieses Gebilde zu lesen. Wenn man das architektonische Meisterwerk von Zaha Hadid jetzt auch nur aus der Ferne sieht, weiß man sofort, warum. Man ist überrascht von seiner fremdartigen Präsenz und möchte es gleich aus der Nähe bestaunen. Erst aber gilt es, die beiden mitgereisten, von der Zugfahrt ermatteten Söhne im Kindergartenalter zu einem Tempowechsel zu motivieren. Wobei es nicht das Gebäude ist, das sie schließlich antreibt, sondern die neue Sonderausstellung "SpürSinn" im Science Center Phaeno, in der es, wie sie auf Fotografien gesehen haben, ein Hexenhaus gibt, das sich um die eigene Achse dreht, die Besucher mittendrin, außerdem einen "Verrückten Salon" mit schiefen Böden, Nagelbretter und manch anderes, nach Vergnügen aussehendes Gerät, das man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt.

          Der Trick mit der Eingangstür

          Es sind nur hundert Meter vom Bahnhof zum Phaeno, und man macht sich auf den Weg, ohne recht zu wissen, wo der Eingang ist. So verschlägt es einen, von einer pistenartigen Vertiefung gelenkt, zunächst unter das Gebäude, das auf zehn eleganten schrägen Kegelfüßen aus selbstverdichtendem Beton, sogenannten Cones, steht. Alle Cones haben eine Funktion: In einem befindet sich ein Wissenschaftstheater, in einem anderen ein kleines Restaurant und in dem zur wirklich grausligen Wolfsburger Fußgängerzone zugewandten der fast unscheinbare Haupteingang. Schon das Betreten des ganz dem Erleben naturwissenschaftlicher Phänomene gewidmeten Museums führt in das, was kommt, vielleicht unbeabsichtigt, aber völlig passend ein: Die automatische Eingangsschiebetür besteht aus zwei extrem schrägen Glasflügeln; wenn man sich nach der Gewohnheit in einigem Abstand dort aufstellt, wo die beiden Flügel in der Mitte zusammenlaufen, passiert zunächst nichts - und man schaut sich wegen der erwähnten Unscheinbarkeit schon nach dem vermeintlich richtigen Eingang um. Doch dann drückt sich eines der beiden Kinder vorbei, steuert einfach auf die Tür zu, die sich nun wie geschmiert öffnet. Experimentierfreude zahlt sich aus. Jetzt entdeckt man auch den Sensor, der sich in der oberen Mitte der beiden Flügel befindet.

          Schiefe Wahrnehmung: Die Sinne werden getäuscht im „Verrückten Salon”, der gerade erscheint, tatsächlich aber um 25 Grad geneigt ist.

          Innen empfangen den Besucher zwei lange Rolltreppen, die die jährlich etwa zweihunderttausend Besucher auf eine Höhe von sieben Metern hinauftransportieren. Ansatzlos gelangt man in eine weitläufige, nicht allzu hohe Halle mit Kratern, Plateaus und Nischen, dazwischen lauter sanfte, fließende Übergänge, die dem Auge schmeicheln und aussehen, als seien sie im Windkanal erprobt worden. Man ist in ein neuntausend Quadratmeter großes offenes Spielfeld in gedämpftem Licht getreten und muss jetzt selbst bestimmen, wie es weitergeht.

          Anfassen, Ziehen, Stoßen

          Ohne erkennbare Systematik geordnet stehen dreihundert Experimentierstationen bereit, gleichgewichtig angeordnet, selbst die Dauerausstellung geht fließend in die Sonderausstellung über, angeregt von bestehenden Science Centern wie dem Technorama in Winterthur. Den Kindern scheint das gleich zu gefallen. Sie sind nicht mehr zu halten und stürzen schon auf die erstbeste Versuchsstation zu, während automatisch der elterliche Gefahren-Scannerblick umherschweift: Was könnten die Kinder anrichten, was könnte sich als gefährlich für sie erweisen? Aber die Antwort ist schlicht und entspannend: nichts. Hier ist, bis auf wenige Ausnahmen wie die Schrägen, die zum Runterrutschen einladen, alles kindersicher und überaus stabil. Anfassen, Ziehen, Stoßen, all das ist gewollt.

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