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Wintersport : Alltagsflucht statt Abfahrtsrausch

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Die neue Winterurlaub-Saison in den Alpen steht bevor Bild: ddp

Das Wetter macht dem alpinen Wintertourismus bislang einen Strich durch die Rechnung. Die milden Novemberwochen haben die Menschen eher in Kaffeehäuser und auf Ausflugsterrassen als in die Berge zu den Saisoneröffnungen der Skigebiete gelockt.

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          Das Wetter macht dem alpinen Wintertourismus bislang einen Strich durch die Rechnung. Die milden Novemberwochen haben die Menschen eher in Kaffeehäuser und auf Ausflugsterrassen als in die Berge zu den Saisoneröffnungen der Skigebiete gelockt. Bei frühlingshaften Temperaturen sind die Kunden auch nicht leicht davon zu überzeugen, Geld für Skier, Anoraks und Thermounterwäsche auszugeben, zumal bahnbrechende Innovationen in Sachen Ausrüstung auch nicht zu entdecken sind. Wirklich bahnbrechend sind zum Beispiel die heftig beworbenen und als Vorzeigetrend gepriesenen Damenski beileibe nicht - sieht man einmal davon ab, daß sie im Gegensatz zu früheren femininen Modellen nun tatsächlich auf physiologische Eigenschaften des weiblichen Körperbaus abgestimmt und nicht nur mit appetitlichen Designs ausgestattet sind.

          Dabei ist es auch ohne den ewigen Spätsommer schon schwer genug, potentielle Gäste zur Reise in die schneebedeckten Berge zu bewegen. Früher war das einfacher, nicht nur weil es an tropischen Billigofferten und Discount-Flugtarifen fehlte, sondern auch, weil der Winterurlauber nicht viel mehr im Sinn hatte, als nur Ski zu fahren. Heute ist das anders, und in diesem Winter mehr denn je. Beschneite Pisten, moderne Liftanlagen und knapp kalkulierte Pauschalangebote setzt der Gast voraus. Das ist kein Entscheidungskriterium. Statt dessen wird das, was sich im vergangenen Winter andeutete, in dieser Saison zum prägenden Trend: Der Mensch sehnt sich nach Romantik, nach Komfort und nach sinnlichen Naturerlebnissen - klassische Alltagsfluchtmerkmale also. Deswegen wird nun in fast jedem Skiort der Alpen mit Schneeschuhen durch die Winterlandschaft gewandert, besonders gerne bei lauschigen Vollmondnächten und auf einsamen Panoramastrecken. So stapfen die Gäste der Salomon Station in Zell am See im Salzburger Land drei Stunden lang mit Stirnlampen durch die Winternacht, unterbrochen von Meditations- und Atemübungen, gestärkt mit einer Dose Energydrink.

          Ordnung im Chaos

          Die andächtige Wanderung mit Schneeschuhen ist die eine Seite des neuen Wintervergnügens; die wachsende Zahl von Schneeschuhrennen die andere. Das freut die Tourismusverantwortlichen, denn mit solchen Events kann man viel mehr Geld verdienen als mit kleinen Exkursionen. Beim "White Trail" im Lammertal in Österreich zum Beispiel geht es über eine sechs Kilometer lange Strecke, anschließend gibt es eine große Party. Vorbild für alle Schneeschuhläufer ist die legendäre "Ciaspolada" im Trentino, bei der alljährlich mehr als sechstausend Teilnehmer an den Start gehen, und das seit bemerkenswerten dreißig Jahren.

          Sich mit Tourenskiern und Fellen abseits der Pisten in der verschneiten Winterlandschaft zu bewegen, ist ebenfalls nicht neu. Doch bis vor kurzem war die Wildnis fast ausschließlich das Territorium einheimischer und erfahrener Wintersportler. Das hat sich spätestens seit vergangenem Winter geändert, denn das Skitourengehen ist neben den Schneeschuhwanderungen das zweite große Trendthema des Winters 2006/2007. Wie bei solchen Neuerungen üblich, ist zunächst eine Phase der Konfusion entstanden, die jetzt in geordnete Bahnen gebracht wird: Viele Skitouren-Novizen haben sich in der Vergangenheit die leichten Bretter mit ihren speziellen Bindungen samt Fellen an der Talstation umgeschnallt und sind aus Respekt vor den Widrigkeiten im hochalpinen Gelände einfach die Skipisten hochgestiegen. Das hat weder den Skifahrern noch den Liftbetreibern gefallen. Es besteht aber Hoffnung, daß es in diesem Winter besser wird. Zum Saisonbeginn häufen sich die bislang kaum wahrgenommenen Angebote für Skitoureneinsteiger, etwa Schnupperkurse wie im Nationalpark Hohe Tauern in Kärnten, wo man in Großkirchheim für 215 Euro ein solches Anfängerwochenende samt Unterkunft buchen kann.

          Leben wie ein Eskimo

          Auch bei den Skitouren haben sich sportliche Veranstaltungen inzwischen etabliert. Zu den bekanntesten zählen die "Mountain Attack" in Saalbach, bei der zu später Abendstunde die Kombattanten drei Berge und mehr als dreitausend Höhenmeter bergauf und bergab meistern, und das ebenfalls abends stattfindene Sella Ronda-Rennen in den Dolomiten: Von Wolkenstein geht es über das Grödner Joch nach Corvara, dann über den Campolongo-Paß und den Pordoipaß nach Canazei und schließlich über das Sellajoch zurück nach Wolkenstein in etwas mehr als drei Stunden.

          Es gibt aber auch weniger anstrengende Möglichkeiten, die Nächte auf den winterlichen Gipfeln zu verbringen - was offensichtlich sehr beliebt ist, denn sonst würden Igludörfer nicht wie Pilze aus dem Schnee sprießen. Interessant und noch nicht abschließend beantwortet ist dabei die Frage, was daran reizvoll ist, bei verschärften Minustemperaturen in einem Schlafsack auf einem Eisblock zu liegen. Sei's drum. In Sölden im Ötztal wirbt man mit dem "ersten Igludorf Österreichs", in Kitzbühel hat im Dezember das "einzigartige Alpeniglu Dorf" eröffnet. In den Schweizer Skiorten Zermatt, Gstaad, Scuol und Engelberg gibt es solche Unterkünfte schon seit einigen Jahren. Im Igludorf auf der Zugspitze verspricht man derweil Inuitfeeling im Standard-Iglu für sechs Personen und etwas anderes im "Romantik-Iglu" für zwei. Letzteres kostet zwar 159 Euro pro Person und Nacht, dafür sind Prosecco-Flasche, Jausenteller und Isomatte inklusive. Im vergangenen Winter haben immerhin zweitausendeinhundert Besucher in den Zugspitz-Iglus übernachtet. Solche Offerten, bei denen man für eine besonders puristische Art der Unterkunft mehr zahlt als für manches noble Hotelbett, bestätigen auf ihre Weise die starke Sehnsucht der Menschen nach authentischen Naturerlebnissen.

          Luxus auf dem Gipfel

          Wer nicht gleich die ganze Nacht in der hochalpinen Kälte verbringen will, findet inzwischen eine Fülle von entsprechenden Angeboten. So werden abendliche Seilbahnfahrten mit ausführlichen Abendessen in luftiger Höhe immer beliebter. Auf die Zugspitze etwa geht es für 89 Euro samt bardiertem Wachtelbrüstchen auf Trüffelnudeln und Kalbslende parfümiert mit Almwiesenheu und Brezensoufflé. In Kitzbühel wird auf dem Hahnenkamm jeden Freitagabend fein getafelt. Und auf dem Arber schweben Brautpaare in der "Kuschelgondel" ein und lassen sich in der Eisensteiner Hütte trauen. Dafür, daß man in den Gipfelregionen nicht nur bei Erbsensuppe und Schnitzel vom Buffet sitzen muß, sorgen die erstaunlich erfolgreichen Gourmetrestaurants in Gipfellage, die immer mehr Nachahmer finden. Neu in diesem Winter sind unter anderem die Kristallhütte im Zillertal und die Las Vegas Lodge in Alta Badia. Gediegenes Nichtstun steht auch bei einem spektakulären Neubau in Hochgurgl im hintersten Ötztal im Mittelpunkt: Der Top Mountain Star auf dem 3082 Meter hohen Gipfel des Wurmkogels verspricht Luxusambiente mit Swarovski-Kristallen, gehobener Gastronomie und eine Sternenbar mit Dreihundertsechzig-Grad-Panorama.

          Es ist ganz offensichtlich, daß der Winter für Nichtskifahrer immer attraktiver wird. Gleichwohl gibt es auch vielfältige Bemühungen, dem Skifahrer das Leben auf der Piste angenehmer zu machen. Der sich schon im vergangenen Winter abzeichnende Trend, Gäste mit beheizten Sesselliften zu locken, setzt sich in dieser Saison fort. Ansonsten werden allerorten alte Schlepplifte durch moderne Sessellifte, alte Sessellifte durch moderne Gondelbahnen ersetzt und Beschneiungsanlagen ausgebaut. Das ist "business as usual". Ungewöhnlich ist freilich, daß nun einige einfallsreiche Liftbetreiber mit kleinen Aufmerksamkeiten den Wintersportler hofieren. Im österreichischen Skiort Zauchensee tragen Studenten in kuriosen Verkleidungen mit Plastik-Muskelbody und Zylinder den Damen Skier oder Snowboard zum Lift, während sogenannte Pistenpagen Süßigkeiten auf den Abfahrten verteilen. Ganz ähnlich arbeiten die Pistenbutler auf der nicht weit entfernten Turracher Höhe. Der Butler fährt im Snowmobil im Mercedes-Design durchs Skigebiet und bringt ein Glas Sekt für die Großen und Süßes für die Kleinen.

          Der Skilehrer bittet zum Tanz

          Daß Skifahren endlich wieder Spaß machen muß, wird überall gefordert. Jetzt machen die Ferienorte ernst damit. Manche Wintersportzentren wie Mürzzuschlag vertrauen dabei auf die Vergangenheit und bieten einen "NostalSkikurs" mit der Kleidung und Ausrüstung der zwanziger Jahre an; die Zeitreise samt zweier Übernachtungen mit Halbpension, Skiern und Kursusgebühr gibt es für 265 Euro. Andere Orte haben sich noch Kurioseres einfallen lassen. So wirbt St. Jakob in der Steiermark jetzt mit einem mobilen Pistenklo für Kinder: hineinfahren, Geschäft erledigen und auf der anderen Seite wieder herausfahren, ganz einfach. Im Notfall, so heißt es, dürfen auch Erwachsene an dieser Errungenschaft teilhaben.

          Viele große Skiorte haben sich in den vergangenen Jahren auf bombastische Events als Zugpferd verlassen. Doch die Zeiten der spektakulären Konzerte und Prominentenaufmärsche scheint vorbei zu sein. Ob Paris Hilton in Ischgl per Helikopter einfliegt und für einen Dosenprosecco namens "Rich" wirbt, interessiert nur noch ein versprengtes Partyvölkchen. Offensichtlich geht es auch hier wieder in Richtung gute alte Zeiten. Daß man mit einfachen Mitteln Tausende von Besuchern anlocken kann, zeigt das Skigebiet Hochkönig im Salzburger Land: In knapp zwanzig Skihütten spielen Volksmusikgruppen auf, während auf den Pisten drei Nostalgiegruppen mit der Ausrüstung aus dem Skimuseum Werfenweng unterwegs sind. Und sogar ganz traditionelle Freizeitvergnügen wie der Paartanz kommen wieder in Mode. Deswegen hat man im Tiroler Alpbachtal die Skilehrer in den Tanzkursus geschickt, damit sie in diesem Winter den Damen beim Après-Ski ein würdiger Partner sind.

          Bayern Tourismus: Leopoldstraße 146, 80804 München, Telefon: 089/2123970, E-Mail: tourismus@bayern.info, Internet: www.bayern.by.

          Österreich Information: Postfach 83, A-1043 Wien, Tel.: 01802/101818, E-Mail: urlaub@austria.info, Internet: www.austria.info.

          Schweiz Tourismus: Roßmarkt 23, 60070 Frankfurt, Tel.: 00800/10020030, E-Mail: information@stc.ch, Internet: www.MySwitzerland.com.

          Südtirol Information: Pfarrplatz 11, I-39100 Bozen, Telefon: 0039/0471/999 999, E-Mail: info@suedtirol.info, Internet: www.suedtirol.info.

          Maison de la France: Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt, Telefon: 0900/1570025, E-Mail: info.de@franceguide.com, Internet: www.franceguide.com.

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