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Wellness : Nur achtundvierzig Stunden - Speed-Wellness für die Mama

Eben noch kämpft man sich durch den Verkehr, erwischt prompt die falsche Ausfahrt, kommt viel zu spät im Hotel an, da wird man schon zur ersten Behandlung in die Therme geschickt. Augenblicke später findet man sich in einer Badewanne wieder und soll entspannen.

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          Eben noch kämpft man sich durch den Verkehr, erwischt prompt die falsche Ausfahrt, kommt viel zu spät im Hotel an, da wird man schon zur ersten Behandlung in die Therme geschickt. Augenblicke später findet man sich in einer Badewanne wieder und soll entspannen. Da sitzt man dann, einsam und nackt, und kann kaum etwas sehen, so dunkel ist es. Nur am Wannenrand hängt eine Art Mini-Lichtorgel, die stumm vor sich hin blinkt, während aus unsichtbaren Lautsprechern traurige Wale ihre Choräle anstimmen, oder so ähnlich. Das also ist Wellness. Entspannung. Frieden. "Entschleunigung de luxe", steht im Prospekt.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Allein gelassen vom Wellness-Assistenten, der zwar die nächsten neunzig Minuten exklusiv zur Verfügung steht, sich nun jedoch diskret zurückgezogen hat, hockt man in seinem Cremebad, schaut auf die blinkenden Lämpchen - und ist beunruhigt. Ob der Herd ausgestellt ist? Die Kinderfrau an die Kartoffeln denkt? Der Ehemann zurechtkommt zu Hause, ganz allein mit dem Kind? Das Mobiltelefon liegt natürlich außer Reichweite. Was ist, wenn nun draußen, hinter der schallgedämpften Tür, das Chaos ausbricht, zu Hause die Kaffeemaschine noch läuft, der Kleine die Treppe hinunterfällt, Al Qaida zuschlägt?

          Entspanne Dich selbst


          Fragen verwirren die Sinne. Dabei steht man ohnehin schon unter Druck: Die Zeit in der Wanne ist begrenzt. Den Wellness-Offenbarungen jedoch, die ähnlich orakeln wie die Sphinx von Delphi - getreu dem Motto: Entspanne dich selbst - lassen sich nur mit Mühe in die Tat umsetzen. Kann man da überhaupt, wie der Wellness-Assistent es fordert, "runterkommen von dem Stress". Da war es ausgesprochen, das Wort, nein: das Unwort in der schönen neuen Wohfühlwelt.

          Natürlich hängt das eine mit dem andern zusammen. Der Wellness-Gedanke profitiert nicht schlecht von einer Gesellschaft, die sich zunehmend über Stress definiert. Je flexibler, je mobiler sich das Leben gestaltet, desto größer ist das Bedürfnis nach Erholung. Umgekehrt aber führt die Situation geradewegs ins Paradox. Denn in einer beschleunigten Welt herrscht permanent Zeitnot. Was also tun, wenn die Arbeit überhandnimmt, man zuwenig schläft, sich ausgebrannt fühlt - und keine freie Woche findet? Die Wohlfühlindustrie hat die passende Antwort gefunden: Die Entschleunigung wird beschleunigt. Das neue Glücksversprechen lautet: Erholung in achtundvierzig Stunden.

          Effizienz bei der Erholung

          Unlängst hat das Hamburger Trendbüro dies als "Speed-Wellness" zum Trend erklärt: "Der Effizienzgedanke hält Einzug ins Reich der Wollsockenträger und macht Yoga auch für Controller interessant", notieren die Tendenzforscher. Die neue, zeitoptimierte Disziplin nennt sich WoYa - aus Workout und Yoga. Zeit ist Geld und darf nicht verschwendet werden, schon gar nicht für Erholung. Zehn Tage faul am Strand liegen oder an Deck eines Kreuzschiffs gibt es nicht mehr. Heute muß der Wellness-Assistent die Meridiane anpacken und unerschöpfte Potentiale freilegen.

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