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Wandern am Ätna : Wenn das Ungeheuer Siesta hält

  • -Aktualisiert am

An manchen Tagen ist Sicherheitsabstand geboten Bild: ASSOCIATED PRESS

Seine wahre Schönheit offenbart der Ätna, wenn man ihn zu Fuß erklimmt. Doch wer ihm dabei nicht Respekt zollt, dem zeigt er seine unangenehmen Seiten: eine Bergtour entlang des Kraters von Europas aktivstem Vulkan.

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          Schon nach dem ersten Tag knirscht der Lavasand zwischen den Zähnen. Vor den winzigen, schwarzgrauen Körnchen gibt es kein Entrinnen. Man findet sie im Rucksack, in den Haaren, in den Schuhen. Sie stecken in den Kleidern und scheinen durch alle Poren zu dringen. Sogar unter den Fingernägeln haben sich dunkle Trauerränder gebildet. Ringsum breiten sich endlose Sandhügel und öde Geröllhalden aus. Im flirrenden Licht dieses drückend heißen Tages scheinen sie sich wie ein wogendes Dünenmeer bis zum Horizont zu ziehen: So weit das Auge reicht, nur nackte Lava. Kein Baum, kein Strauch, der Schatten spenden könnte. Eine Bergtour auf den Ätna, der als ein furchteinflößender, stets in seinen weißen Rauchmantel gehüllter Koloss über der grünen Ebene von Catania thront, gleicht einem Marsch durch die Wüste.

          Durch di Valle del Bove hat sich der vernichtende Feuerfluss am häufigsten hinabgewälzt - immer wieder in den vergangenen Jahrhunderten, zuletzt in den Jahren 2004 und 2005. Weit unten, nahe dem Ionischen Meer, haben sich einige Ginsterbüsche in den Felsritzen festgekrallt. Aber hier am oberen Rand des Ochsentales, wie die Valle del Bove übersetzt heißt, hat selbst das unverwüstliche Hornkraut keinerlei Überlebenschancen.

          Eine Passion für den Feuerberg

          „Wir werden uns dem großen Vulkan schrittweise annähern. Respekt ist dabei die Hauptsache“, hatte Giuseppe Amendolia seinen Erklärungen zur Aufstiegsroute vorausgeschickt. In zwei Tagesetappen möchten wir den Gipfel des Ätnas besteigen. Unterwegs wird der Süditaliener nicht müde werden, immer wieder zur Vorsicht zu mahnen. Als studierter Geologe und staatlich geprüfter Vulkanführer weiß er, wovon er spricht. Außerdem hat er fast sein gesamtes Leben am Fuß des Ätnas verbracht. Mit seiner Familie lebt er in Nicolosi, einen Ort am Fuße des Berges. Wie oft er schon auf dem Gipfel des Ätnas stand, kann der Vulkanologe nicht sagen. In Zafferana Etnea, dem Nachbardorf, brechen wir frühmorgens auf.

          Nach einer knappen Stunde bleibt Giuseppe Amendolia plötzlich stehen und zeigt lächelnd auf zwei etwa gleich große, auffallend runde Vulkanhügel. „Beim Ausbruch im Jahr 1669 schenkte uns der Ätna diese perfekt geformten Naturwunder. In unserem Dorf nennt man sie die Brüste von Sophia Loren.“ Gut möglich, dass Giuseppe Amendolias Ätnabegeisterung mit dieser noblen Geste zusammenhängt. Seiner Passion für den Feuerberg scheint nicht einmal der berufsbedingte Gewöhnungsfaktor zu schaden. Während wir im steilen Zickzack rasch an Höhe gewinnen, zuerst an Oliven- und Weingärten vorbei und dann durch dichtes Macchiagebüsch, bringt Giuseppe Amendolia ein wenig Fachwissen an.

          Manchmal regnet es Steine

          Der Ätna sei der höchste und aktivste Vulkan Europas. Der Grund dafür sei, dass in Sizilien die europäische und die afrikanische Erdplatte aufeinandertreffen. Wegen seiner ewigen Unruhe schwankt die Höhe des Bergs - je nach dem Verlauf der Eruptionen liegt sie zwischen 3200 und 3350 Metern. Doch wirklich gefährlich, sagt Amendolia, sei das Herumspazieren auf dem schlafenden Ungeheuer nun nicht. Denn auch wenn es plötzlich Feuer spucken sollte, fließt die 1100 Grad heiße Lava normalerweise so langsam über die Bergflanken herunter, dass genügend Zeit zum Fortlaufen bleibt. Manchmal jedoch, wenn die angesammelten Gase durch eine Explosion entweichen, regne es am Ätna Steine, sagt der Vulkanführer und zeigt auf ein paar verstreute Lavatrümmer. Sie sind so groß, dass auch ein rasch über den Kopf gestülpten Sturzhelm kaum helfen würde.

          Die Sonne steht hoch am Himmel, als wir einen markanten Felsgrat, den sogenannten Eselsrücken, erreichen. Das andauernde Auf und Ab bei der Überquerung der Valle del Bove ist anstrengend und erfordert höchste Konzentration. Denn sämtliche zur Verfügung stehenden Karten stammen noch aus der Zeit vor den Verwüstungen in den Jahren 2004 und 2005. Markierungen oder Hinweisschilder sind keine vorhanden. Und dort, wo buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen blieb, ist es sogar für den erfahrenen Vulkanführer nicht leicht, einen Weg durch das Steinlabyrinth zu finden. Das Heer der Touristen erklimmt den Gipfel auf andere Weise - mit der Seilbahn und anschließend im Geländewagen.

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