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Vor dem Papstbesuch : Treten und beten

Immer gut für einen Gruß: Postkarten mit heiligem Motiv Bild: Wolfgang Eilmes

Unterwegs mit Gottvertrauen auf dem Benediktweg: Es geht mit dem Fahrrad durch die Heimat des Papstes. Alle Wege führen hier nicht nach Rom, sondern angeblich auf die Lebensspur des gebürtigen Marktlers.

          7 Min.

          Seit wir Papst sind, ist Bayern Superpapst. Begeisterungsdämpfendes Kopfschütteln aus dem Vatikan wird tunlichst ignoriert. Nur weil der Diener der Diener Gottes den Kult um seine Person nicht mag, kann man daheim nicht so tun, als wäre nichts gewesen. Es mußte schließlich etwas geschehen, Benedikt XVI. ist ein Geschenk Gottes für jeden Fremdenverkehrsverein. Und sind wir, Pauschalreisende wie Rucksacktouristen, nicht alle irgendwie auf der Suche? Und könnte nicht ein solcher Mann Vorbild sein auf allen Lebenswegen? Also folgen wir ihm in der Hoffnung, etwas von jenem Geist aufzuspüren, der den weltlichen Dingen zur rechten Zeit entsagen und auf das Jenseits vorbereiten helfen kann.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Wir tun das auf dem Benediktweg, einem sehr jungen deutschen Weg. Vorgestellt wurde er im August 2005 vom Altöttinger Verkehrsbüro in Anwesenheit hoher geistlicher Würdenträger und unter Mitarbeit der Tourismusverbände Inn-Salzach, Chiemgau, Chiemsee und Rosenheimer Land: ein 224 (nach anderen Berechnungen 248) Kilometer langer Rad- und Wanderweg. Die Route beginnt und endet an der Papstlinde am Vorplatz der Altöttinger Basilika, jenem Baum, den Johannes Paul II. in Anwesenheit von Kardinal Ratzinger dort 1980 gepflanzt hat. Der Radweg streift in vier Landkreisen die Lebensstationen des Papstes, in Hufschlag bei Traunstein ist etwa der Schulweg Ratzingers Teil der Strecke.

          Trete und bete: Geistigen Überbau liefert der heilige Benedikt, der als Ordensgründer bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung Bayerns hatte: Der Weg durch die "terra benedicta" soll ein Glaubensweg und keine touristische Attraktion sein. Alle Radwege führen also hier nicht nach Rom, sondern angeblich auf die Lebensspur des gebürtigen Marktlers. Die eigentliche Attraktion soll neben den kunsthistorischen Höhepunkten die Landschaft sein - als das eigentlich benediktinische Kunstwerk. Dementsprechend geläutert klingt das jetzt im Land der BayWa so: "Die heimischen Landwirte sind sehr bestrebt, bäuerliche Tradition und innovative Konzepte zur Behauptung und Weiterentwicklung der ländlichen Wirtschaft in Einklang zu bringen." So steht es in der "Benediktweg"-Exkursionskarte.

          Eine Fahne mit dem Bild vom Papst am Ortseingang von Marktl
          Eine Fahne mit dem Bild vom Papst am Ortseingang von Marktl : Bild: AP

          Wo ist er denn, der Weg?

          Eine Radwallfahrt als große Schleife durch das Outback des oberbayerischen Kernlands, in die Normalität der Provinzen. Dabei kommt, wer sich dort auf geistige Wanderschaft mit dem Fahrrad begibt, der Frage, wie das mit dem Glaubensweg in Wirklichkeit gemeint ist, unfreiwillig näher: Man braucht nämlich viel Gottvertrauen, um die Route zu finden. Meistens stellt sich dem Benediktverfolger die Frage: Wo ist er denn, der Weg?

          Beim Gasthof Remmelberger in Asten, hoch über dem Salzachtal, verrät eine Nachricht "Bin beim Metzger. Um zwei Uhr wieder da". Kein gutes Vorzeichen? Der Blick geht von hier weit hinein ins Salzburgische und damit ins Mozartland, zum Untersberg und bis zum Watzmann, hinüber in die Ostalpen, jedenfalls theoretisch. Tief hängende Regenwolken verdecken das Gebirg', aber heraußen im Hügelland, das die letzte Eiszeit übrigließ, geht die Fahrt durchs unspektakuläre Bauernland. Kirchweihdach, wo in den achtziger Jahren die legendäre, in einem Kuhstall untergebrachte Punk- und New-Wave-Diskothek "Libella" Besucher bis von München, Salzburg und Wien herlockte, ist heute wieder ohne Attraktion. Jedenfalls beinahe: Am Dorfweiher findet eine "Baywatch"- Party statt; Asten lockt zur gleichen Zeit mit dem zweiten Astener Boule-Turnier.

          Querbeet nach Westen über Feichten und Wiesmühl an der Alz, zwischen Mais-meeren und Fichteninseln, wogt die Straße in der sanften Hügeldünung. Vor Kraiburg stürzt sie mit zwölf Prozent Gefälle hinunter ins mächtige Inntal. Kraiburg ist eine merkwürdige Mischung aus Längstvorbei und gestriger Moderne. Die auf der anderen Innseite gelegene Nachkriegsgründung Waldkraiburg hat den Ort wirtschaftlich weit hinter sich gelassen. Der Zustand der Häuser und der Straßen erinnert in manchen Ecken an Schwellenländer, aber mittendrin regt sich auch Sanierungswillen. Eine sehr orange Kneipe namens "Hazienda" leuchtet zwischen unverputzten Häusern, am Ortsrand fressen sich die Neubausiedlungen ins Grüne.

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