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Vom Kraftwerk zum Vergnügungspark : Der Atomausstieg in Kalkar

  • -Aktualisiert am
Energie-Wände: Wegen der Hotelbauten kommt man nicht hierher

Kalkar - der Name stand für die Technologie des Schnellen Brüters. Der Kühlturm wurde 1985 fertiggebaut, nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr darauf wurde der Ort Ziel riesiger Anti-Atomkraft-Demonstrationen. Wegen des anhaltenden Protests wurde der Brüter nie in Betrieb genommen, 1991 verabschiedete sich die Bundesregierung von dem Projekt. Fortan stand der „Schnelle Brüter“ in der Landschaft herum und rostete als unfreiwilliges Symbol für den Triumph der Umweltbewegung über die Kernkraft vor sich hin. 1995 kaufte der Niederländer Hennie van der Most die Atomruine. Er ließ sie zum Vergnügungspark umbauen, der 2001 seine Pforten öffnete. Im Turbinen- und Reaktorgebäude sind seither die Hotels untergebracht.

Wer keinen Alkohol trinkt, fällt auf

Es ist Donnerstagabend, der Kühler wird von Scheinwerfern angestrahlt. Draußen ist es so ruhig, als wäre das Gelände nach einem Störfall evakuiert worden. Ein Dutzend Leute sitzt in einem der drei Restaurants und nimmt sich Nudeln, Gulasch oder Kroketten aus glänzenden Stahlwannen.

Für den Freitag haben sich 600 Gäste angemeldet, „dann wird hier gesoffen“, sagt eine Kellnerin. Das Nachtleben beginnt um neun Uhr in der „Kneipenstraße“ im Untergeschoss, wo sich Grüppchen von vier, fünf Leuten sammeln, rumsitzen und trinken. Die Westernbar ist mit dunklem Holz vertäfelt, das schummerige Licht soll ein wenig Gemütlichkeit vermitteln, nur eine Etage unter Klein-Ägypten.

Amelie und Eva, die zwei Damen vom Mittag, kegeln, neben sich die Weingläser und mundgerecht geschnittene Baguettestückchen.Die Luft ist geschwängert von Rauch, Bierdunst und dem Geruch von Käseecken. Das Atmen fällt schwer. Aus der Anlage kracht ein Partyschlager nach dem anderen. Das Publikum ist gemischt. 60 Jahre alte Frauen im Blazer, Mittvierziger mit Schnauzbart, junge Leute mit Gesichtspiercings. Wer hier alleine auftaucht, der fällt sofort auf. Wer keinen Alkohol trinkt, auch. In der Weinbar nebenan sitzen vier Pärchen und hören einem Schlagersänger zu. Gegen ein Uhr nachts scheinen alle annähernd gleich betrunken zu sein.

Eine halbe Millionen Besucher

Es wird leer, ab zwei Uhr nachts muss der Alkohol bezahlt werden. Wer hoch in sein Zimmer torkeln will, kann nichts dreckig oder kaputt machen, weil das meiste entweder aus Beton ist oder abwaschbar oder so einfach, dass man es mit wenig Aufwand austauschen kann.

Wer sind die Besucher, die ihre Kinder auf einem Brüter klettern lassen und in Zimmern schlafen wollen, die an Krankenhäuser erinnern? Die tagsüber aufgetauten Lachs essen und abends in Kellerkneipen abhängen? „Unsere Gäste kommen vor allem aus der Region und aus den Niederlanden“, sagt Han Groot Brink, Betriebsleiter. Zielgruppen seien junge Familien, Vereine, Senioren und Leute, die Junggesellenabschiede feiern.

Im vergangenen Jahr kamen 550.500 Besucher, 120.000 buchten Übernachtungen. 130 Festangestellte und zusätzliche Saisonkräfte kümmern sich um die Gäste. Ist das „Wunderland Kalkar“ in Zeiten der Energiewende ein Zukunftsmodell? Die Besucherzahlen sind gut, 2010 wurde „Kernie’s Familienpark“ mit dem „TourNed Award“ des europäischen Verbandes für Spaßparks ausgezeichnet.

Rührei in Klein-Ägypten

Einen weiteren Kühlturm nennt van der Most bereits sein eigen. Der Unternehmer hat das Gelände rund um den Brüter des ehemaligen Gaskraftwerkes in Meppen gekauft und will Mitte dieses Jahres den nächsten Freizeitpark eröffnen. Der „Fun Park“ mit dem dazugehörigen Hotel soll eine Racing-Teststrecke, eine Kartbahn und Paddelmöglichkeiten im Kühler bieten.

Die Bundesregierung hat für den Atomausstieg das Jahresende 2022 festgeschrieben. Ob Hennie van der Most Interesse an den Anlagen anmelden wird? Es wäre ihm zuzutrauen - die unbenutzten Brüter sind nicht die einzigen Immobilien, die er zweitverwertet. Er kauft stillgelegte Fabriken, Kasernen oder eben Atomkraftwerke, um Freizeitparks einzurichten. Er wandelte eine Kartoffelfabrik in Oranje und ein Krankenhaus in Almelo in Erholungseinrichtungen um. 2011 eröffnete er auf dem ehemaligen Bundeswehrstandort im niedersächsischen Wangerland die „Nordsee Spielstadt Wangerland“.

Morgens, mit den ersten Sonnenstrahlen, verdampft der Nebel, der bunte Brüter ist augenblicklich wieder in Sichtweite. Eva und Amelie posieren davor. Sie haben sich auf ihre Koffer gesetzt und lassen sich von einem „Wunderland“-Mitarbeiter fotografieren. Wie sie ihren Kurzurlaub hier fanden? „Schön“, sagt Amelie. Dann kehren sie noch mal um nach Klein-Ägypten. Sie frühstücken aufgebackene Brötchen und Rührei, um ihre Reise mit einem Frühschoppen zu beenden - alles noch inklusive.

Anreise: Die nächsten Bahnhöfe sind Kleve, Emmerich oder Goch, jeweils 15 km vom „Wunderland Kalkar“ entfernt. Es gibt eine Busverbindung bis zur Stadt Kalkar. Von dort aus sind es 6 km mit dem Taxi.

Anlage: Der Familienpark ist fast täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt 9 bis 24,50 Euro. Übernachtung inklusive Eintritt ab 62,50 Euro (www.wunderlandkalkar.eu)

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