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Video-Bustour : Berlin ist immer anderswo

  • -Aktualisiert am

Einen Besuch in London, Paris, Moskau und Amsterdam kann man mit einem Reiseziel erledigen: Berlin. Wer sich auf eine Bustour zu den Drehorten der Berliner Filmgeschichte begibt, traut schon bald der Wirklichkeit nicht mehr über den Weg.

          Es passiert in Berlin häufiger, dass man den Eindruck hat, die Stadt sei irgendwie noch nicht so ganz bei sich. Dann wirkt sie, als wolle sie sich als Double für eine andere Stadt bewerben, ohne recht zu wissen, für welche, oder als sei alles überhaupt nur Kulisse für einen Film, der nie gedreht wird. Schon deshalb liegt es nah, Berlin auch einmal ausschließlich unter diesem Blickwinkel zu erkunden, indem man eine sogenannte „VideoBustour“ zum Thema „Filmstadt Berlin“ macht, die Arne Krasting ins Programm seiner „Zeitreisen“ aufgenommen hat.

          Für uns startet die filmische Bustour am Gendarmenmarkt, wo wir zur Abwechslung aber mal nichts über Schinkels Architektur hören, sondern auf den Monitoren über den Sitzen im Bus kunsthistorisch womöglich nicht ganz so bedeutende Bilder aus der Jules-Verne-Verfilmung „In achtzig Tagen um die Welt“ mit dem Action-Star Jackie Chan vorgespielt bekommen, die vor vier Jahren an dieser Stelle gedreht worden ist.

          Überlagerung von Original und Illusion

          Der Unterhaltungsfilm gehört sicher nicht zu den bedeutendsten Berlinfilmen - schon deswegen nicht, weil er gar nicht in Berlin spielt -, aber als Kuriosität bildet er dann doch einen hübschen Anfang für die Tour. Berlin wurde hierfür nämlich als Double für London engagiert. Der Deutsche Dom durfte die Bank of England spielen, das Schauspielhaus mimte die Royal Academy of Science, und weil der Französische Dom mit der Rolle des Reform Club überfordert gewesen wäre, hatte man auf die Ostseite eine Kulisse gestellt, die wenigstens dessen Portal doubeln darf. Den ganzen Rest, also etwa den Turm von Big Ben im Hintergrund, hat der Computer eingefügt.

          Man sitzt also im Bus, sieht Phileas Fogg und Passepartout durch ein fiktives London laufen, während draußen vor den Fenstern der Gendarmenmarkt so tut, als sei nichts gewesen. Diese Überlagerung von Original und Illusion ist ein vergnüglicher Einstieg in die zweieinhalbstündige Tour, in deren Verlauf die Realität es immer schwerer haben wird, sich gegen die Filmausschnitte durchzusetzen.

          Stadt zum Phantombild verflüchtigt

          Wenn man den Gendarmenmarkt einmal umrundet hat, geht es Unter den Linden weiter, wo ein weiterer Abgleich mit „In achtzig Tagen“ ergibt, dass das Zeughaus ein ganz passables Double für Paris hergegeben hat und der Kupfergraben durchaus der Seine das Wasser reichen kann. Merkwürdigerweise führen die Filmbeispiele aber nicht dazu, dass man an deren Wirklichkeitstreue und Wahrhaftigkeit zweifelt, sondern eher dazu, dass man der Stadt selbst zu misstrauen beginnt. Die Gebäude sind plötzlich nicht mehr, was sie zu sein vorgeben, und ihre steinerne Präsenz scheint sich umso mehr zu verflüchtigen, je länger die Tour dauert. Wenn man dann später vor dem Café Moskau an der Karl-Marx-Allee hält und mit Blick aufs Kino International vorgeführt bekommt, wie in dem Thriller „Die Bourne Verschwörung“ derselbe Blick dem Zuschauer durchaus plausibel als Moskauer Szenerie verkauft wird. Im selben Film gibt es übrigens eine Einstellung, die einem weismachen will, der Charlottenburger Walter-Benjamin-Platz läge in Amsterdam.

          London, Paris, Moskau, Amsterdam - eine topografische Schizophrenie ist da am Werk, dass man sich bald vorkommt wie in einem Raumschiff, vor dessen Fenstern fremde Städte vorbeiziehen wie ferne Galaxien. Und je mehr Ausschnitte man sieht, desto unheimlicher wird der Eindruck, der Blick auf den Monitor sei die Wirklichkeit und das, was vor den Fenstern vorbeizieht, ganz und gar künstlich. Alle Gebäude nur Kulisse, jeder Passant ein Statist, und alles Leben folgt unsichtbaren Regieanweisungen. Wer je erleben wollte, wie sich eine Stadt zum Phantombild verflüchtigt, muss sich also nur der VideoBustour aussetzen.

          Kaugummi kauende DDR-Statisten

          Ehe man auf der Karl-Marx-Allee die Szene aus „Good bye, Lenin!“ vorgeführt bekommt, wo die verwirrte Kathrin Sass auf die Straße wankt, um Lenin vorbeifliegen zu sehen, gibt es am Alexanderplatz noch eine filmische Kuriosität zu sehen, nämlich den DDR-Film „Hostess“ aus dem Jahr 1976, in dem Annekathrin Bürger einer amerikanischen Touristengruppe auf dem Ost-Berliner Fernsehturm das Panorama erklärt. Abgesehen von den Einblicken in das mittlerweile sehr coole Design der Ostmoderne gibt der Ausschnitt Anlass zu Heiterkeit, weil die Amis natürlich von DDR-Statisten gespielt werden mussten und mangels authentischer Kostümierung ihre amerikanische Herkunft durch exzessives Kaugummikauen zur Schau stellten.

          Mit Tom Tykwers Lola geht es dann zur Oberbaumbrücke, wo Franka Potente läuft und läuft und auf den Monitoren die topografischen Verwirrungen des Films auflöst - aber zu diesem Zeitpunkt wundert einen ohnehin schon nichts mehr. Die filmische Reise führt auch zu Billy Wilders „Eins, zwei, drei“, zur „Legende von Paul und Paula“ oder den „Kindern vom Bahnhof Zoo“, und wenn man eines der gerade erschienenen Bücher über die Filmstadt Berlin liest - „Drehort Berlin“ von Markus Münch aus dem be.bra-Verlag oder „Berlin. Reisen - Ein Film“ von Michaela Schubert und Wolfgang Bernschein aus dem wolbern-Verlag -, dann könnte man der Spur noch viel weiter folgen. Fürs Erste aber ist man beim Aussteigen froh, dass man überhaupt noch festen Boden unter den Füßen vorfindet und nicht in irgendeiner Kulisse steht.

          „Filmstadt Berlin“ heißt eine VideoBustour des Reiseunternehmens „Zeitreisen“ zu Drehorten von mehr als einem Dutzend Kinofilmen. Sie wird einmal im Monat, samstags, angeboten und kostet 19 Euro. Informationen unter der Telefonnummer 030 / 44 02 44 50 oder im Internet: www.videobustour.de

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