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Übernachten im Armeebunker : Krieg im Frieden

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Wo die Schweizer es krachen lassen: Luftballone zum Beispiel machen sich gut in einem ehemaligen Armeebunker zwischen Landesflagge und Schneeschuhen Bild: Anzenberger

Die Welt unten erzählt viel über die Welt oben: Überall in den Schweizer Alpen gibt es getarnte Bunker. In manchen kann man heute übernachten und den Ernstfall proben.

          5 Min.

          Der Weg zum Hotel führt über eine schmale Bergstraße. Oben der frühsommerliche Wald, unten der Vierwaldstättersee in der Dämmerung. Das Blau der Wellen verschwimmt mit dem Grau des Himmels, die perfekte Idylle. Bis ich in ein Kanonenrohr blicke. Das Kanonenrohr endet in einer Haubitze 1946. Ich bin in keinem Hotel, ich bin im Krieg.

          Das ist durchaus Absicht. Dieses Hotel soll den Krieg vermitteln beziehungsweise die Zuflucht davor. Ein weitläufiger Armeebunker, in den Berg gehauen, mit allem, was dazu gehört, zwei Kampfständen, einem Handgranatenauswurfkanal. Ein Mann im Tarnanzug steht davor und lächelt, als würde er mich gerne hundert Liegestütze machen sehen. Es ist aber nur der Festungswärter. Er öffnet die schwere Eisentür, die in den Stollen führt. Gleich werde ich in meinem Zimmer sein, tief drinnen im Berg, zwischen Kanonen und Geschützständen.

          Pistole zum Raclette

          Dass der Krieg jetzt Tourismus ist, hat mit der Strategie zu tun, mit der die Schweiz einst Adolf Hitler abwehren wollte. Die hieß „Reduit“ und sah vor, die Alpen bis auf den letzten Mann zu verteidigen. Allerdings nur die Alpen, den Rest hätte man Hitler überlassen. Wie auch immer: 13.500 alte Militäranlagen stehen nun herum, Festungen, Schutzräume. Oder die vielen Schießstände mitten in der Natur, als Almhütten oder Bauernhäuser getarnt. Und zwar dermaßen präzise, dass man sogar Vorhänge auf die Betonwände malte und Fensterläden mit Herzen darin. Idylle, aus der Kanonenrohre ragen. „Falsche Chalets“ nennt man sie in der Schweiz.

          Hände hoch und keine Bewegung! Als Chalet getarntes Artilleriewerk
          Hände hoch und keine Bewegung! Als Chalet getarntes Artilleriewerk : Bild: Le Figaro Magazine/laif

          Sie alle stehen heute leer, und keiner weiß so recht, was man damit anfangen soll. Das ist oft der Punkt, an dem der Tourismus ins Spiel kommt. So auch in Vitznau. Privatleute kauften das Artilleriewerk Mühlefluh, für 40.000 Franken, samt Nuklearkammer, Geschützersatzrohren, Stockbetten, Spinden. Noch ein paar Armeedecken und Schweizer Fahnen hinein, dazu eine Ausstellung über Hitler und das Reduit - fertig war das Festungshotel.

          Die „Swiss Army Nights“, die man jetzt das ganze Jahr über im Bunker verbringen kann, beginnen in der Kantine. Die ist liebevoll mit Gewehren und Pistolen dekoriert, auf langen Holztischen stehen Raclette-Öfen. Zwei ältere Herren lassen Käsescheiben schmelzen. Sie sind Brüder und mit Söhnen und Schwiegersöhnen aus Zürich gekommen, Männerwochenende. Ich bin die einzige Frau im Bunker. Der uniformierte Festungswärter, Glatze, Schnauzer, Armeehumor, setzt sich zu mir.

          Alles original 1941

          Markus Erb gehört zum Verein, der die Festung betreibt. Neunzehn Leute sind sie, „achtzehn Männer und eine Frau, wir brauchen ja wen zum Putzen“. Eigentlich ist er Skilehrer, aber die Nächte verbringt er gerne im Krieg. Mit Schulklassen, Frauenturnvereinen, Managern der Schweizer Bahn - sie sind alle schon hier gewesen.

          Nur die Kühe sind echt. Die gemütliche Hütte davor dient der Verteidigung
          Nur die Kühe sind echt. Die gemütliche Hütte davor dient der Verteidigung : Bild: Le Figaro Magazine/laif

          Ich schlage eine alte „Geo“ auf, die im Speisesaal liegt. Ein Artikel handelt von der Schweizer Reality-Show „Alpenfestung - Leben im Reduit“. Auf den Fotos die Kandidaten, wie sie sich in alte Uniformen zwängen und das Leben im Festungsbunker nachspielen, eines der beliebtesten Formate im Schweizer Fernsehen.

          Ich kann mich allerdings nicht lange über das entspannte Verhältnis der Schweizer zum Militarismus wundern, denn jetzt geht es in den Krieg. Wir stapfen durch enge Gänge, vorbei an Tarnnetzen, Gasmasken, Maschinengewehren. Es riecht nach feuchtem Stein und Metall. Eisentür reiht sich an Eisentür, ein Stollen an den nächsten. Dazwischen Maschinenräume, Funkanlagen, düstere Hallen, bis an die Decke vollgestellt mit Granaten. Alles original 1941, selbst die Spritzen im OP. Oder das Schild mit dem riesigen Augapfel und der Warnung: „Spioniert wird jederzeit“.

          Die Kita ist ein Bunker

          Die Enge und das Dunkel machen mir Kopfschmerzen, die Männerrunde stürzt zur Kanone. Abgeschossen wurde sie zum Glück nur ein Mal, das war in den fünfziger Jahren. Man wollte böllern, um ein Haar hätte man den Kirchturm getroffen. Väter und Söhne streichen über das weißgraue Metall, wiegen Stahlgranaten in Händen wie Melonen im Supermarkt. Einer der Brüder erzählt vom Krieg. Sechs Panzer habe die Schweizer Armee 1939 gehabt, „und zwei davon sind verrostet gsi“.

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