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Tourismus in Venedig : Der Kreuzzug

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Ob die Stadt überhaupt von dieser zügellosen Reiserei profitiert, darüber streiten sich in diesen Monaten die Interessengruppen. Weil die Touristen ihr Hotelzimmer auf dem Wasser haben, ist sogar die Lobby der Hoteliers hier gespalten. Der Besitzer des ehrwürdigen „Metropole“ schaltete gar auf eigene Kosten eine Anzeige im Lokalblatt „Gazzettino“, um seinen Abscheu vor den Dampfern zu bekunden, die auch in seinen Hotelzimmern bei der Vorbeifahrt den Himmel verdunkeln.

Das Kleingewerbe der Nippes-, Masken-, Buntglasverkäufer, das legal oder halb legal in den Gassen der Altstadt omnipräsent ist, hat allerdings mehr von den Durchlauftouristen der Schiffe. Die Gastronomie schon wieder weniger, denn verköstigt werden diese Massen ohnehin an Bord. Wie aber der sensible Stadtkörper den Ansturm von dreißig- oder gar vierzigtausend Zusatzgästen auf einen Schlag verkraftet, lässt sich an einem Kreuzfahrtwochenende am restlos überfüllten Markusplatz gut kontrollieren: überhaupt nicht. Eine venezianische Bekannte, die solche Gruppen auf Polnisch oder Deutsch durch den Gassendschungel schleusen muss, ist von Woche zu Woche gestresster. Die Leute kämen selbst durch das oberflächlichste Sightseeing nicht mehr durch; alles ist verstopft, und die Laune der Reisenden am Boden. Dennoch werden immer mehr Menschen in die Stadt gepumpt.

Durchfahrten werden um zwanzig Prozent reduziert

Als sich am Rekordtag des 12. September zwölf Dampfer zu einem noch nie dagewesenen Stelldichein in Venedig trafen, lief das Fass über - wenn schon nicht die Lagune. Selbst dieses Problem der gigantischen Wasserverdrängung in der flachen Lagune wird von den Behörden vernachlässigt. Die Aktivisten der Bürgerinitiative „No grandi navi“ nahmen die Kreuzfahrerparade zum Anlass, den sensiblen Canale della Giudecca mit ihren Seglern und Ruderbooten zu blockieren. „Wir müssen unsere Stadt verteidigen“, rief uns an jenem Tag unsere kämpferische Freundin Paola auf, die mit Töpfen klappernd am Ufer stand. Zum fahrplanmäßigen Ablegen der Dampfer gegen Mittag stürzten sich Dutzende mutige Aktivisten in die trüben Fluten - im Neoprenanzug. Vier Stunden lang kam kein Kreuzfahrer aus Venedig heraus und nach Venedig herein. Die Polizisten schipperten zwischen den Demonstranten hin und her, nahmen Personalien auf und verordneten Tausende Euro von Bußgeld.

Unerwünschte Aussicht: Davon träumt man nicht, wenn man aus dem Schlafzimmerfenster schaut
Unerwünschte Aussicht: Davon träumt man nicht, wenn man aus dem Schlafzimmerfenster schaut : Bild: AFP

Bürgermeister Giorgio Orsoni, sonst dem Fremdenverkehrsgewerbe nicht gerade abhold, verstand den Notruf sogar. In Verhandlungen mit dem Infrastruktur- und dem Verkehrsminister in Rom kam man überein, ab April 2014 die Durchfahrten um rund zwanzig Prozent zu reduzieren. Ab dem kommenden Herbst sollen nie mehr als fünf Schiffe gleichzeitig in Venedig ankern können. Und ab November 2014 sollen die Riesen mit über 96.000 Bruttoregistertonnen ganz aus Venedig verbannt werden. Wegen der Bauarbeiten des Flutdeichs „Mose“ können jetzt, nach dem Ende der Kreuzfahrtsaison, bis zum April 2014 ohnehin keine Großboote mehr durch die Bocca del Lido in die Lagune herein. Ob sich danach die Lage wirklich entspannt, bleibt eine offene Frage.

Man müsste nur einen neuen Kanal hinter der Giudecca-Insel graben, der zur Fahrrinne der Frachtdampfer für den Hafen von Mestre führt - und selbst die größten Kreuzfahrer kämen dann gegen 2015 wieder ans Lagunenterminal, wenn auch ohne sensible Durchfahrt vor dem Markusplatz. Dann würde alles noch schlimmer. Genau diese Variante hat der Hafendirektor Costa im Sinn und macht sich gar erbötig, den benötigten Kanal von seinen Experten selbst graben zu lassen.

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