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Tourismus in Hessen : Mit hohem Grünfaktor

Erfrischender Sprung in den Diemelsee Bild: picture-alliance/ dpa

Die Feriensaison beginnt und die Tourismus-Werber sind zufrieden. In Hessen steigen die Besucherzahlen, und die Gremien, die um Gäste werben, werden auch immer mehr.

          3 Min.

          Farbtupfer auf dem grünblau schillernden Fluß, langsam werden sie größer. Flügelschlag eines Reihers, klatschend tauchen Paddel ein. Leises Keuchen, dann sind die drei Boote vorgezogen am schattigen Lahnuferstück bei Balduinstein, wo man einen besonders schönen Blick aufs Wasser hat. Ferien. Endlich. Urlaub. Am besten innerhalb Hessens, wenn es nach den Tourismus-Werbern im Lande geht.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die können, anders als vor zwei, drei Jahren, noch mitten im Sommer eine positive erste Bilanz für das Jahr 2006 ziehen. „Das Reiseland Hessen gewinnt an Beliebtheit“, sagt Hans-Jürgen Sasse von der Hessen-Agentur. Als zentrales Organ der Landesregierung für das Standortmarketing bündelt sie einen großen Teil der Tourismus-Werbung, derzeit mit den Themenschwerpunkten „Aktiv- und Natururlaub“, „Wellness“, „Kultur- und Städtereisen“ und „Tagungen“.

          Politische Werbeaktivitäten

          Bis April dieses Jahres seien im Vergleich zu 2005 die Übernachtungszahlen um 1,2 und die Gästezahlen um 3,9 Prozent gestiegen, sagt Sasse. Vor gar nicht so langer Zeit sah das ganz anders aus. 2003 noch hatte der damalige Hessen Touristik Service nur Minus melden können. Hatten Hotels und Pensionen bis zum April schon drei Prozent weniger Gäste und Übernachtungen gehabt als 2002.

          Malerischer Platz in der Altstadt von Wetzlar
          Malerischer Platz in der Altstadt von Wetzlar : Bild: picture-alliance/ dpa

          Als Reaktion auf die sinkende Nachfrage wurde zum einen ein Online-Buchungsportal für Hessen-Reisen eingerichtet (www.hessen-tourismus.de), und die politischen Werbe-Aktivitäten für Hessen als Reiseland wurden großräumig zusammengefaßt. Wo es ging, denn regionale Eigenheiten und Partikularinteressen sind bei weitem noch nicht überwunden.

          Offenbar wird das zum Beispiel, wenn man die Strukturen im Rhein-Main-Gebiet betrachtet. Hier haben nicht nur einzelne Städte Marketing-Gesellschaften, verhaken sich die Zuständigkeiten von öffentlicher und privater Förderung, treten Landräte als Tourismus-Werber auf und freiwillige Zusammenschlüsse aus der Wirtschaft. Jüngstes Beispiel: die Frankfurt Hotel Alliance, die 25 Luxushotels mit 6500 Betten repräsentiert.

          Potentiale nicht ausgeschöpft

          Nach der Gründung im Mai vergangenen Jahres dümpelte sie monatelang vor sich hin und meldet sich nun mit einem professionalisierten Auftritt und dem Schwerpunkt Tourismus zurück. Oder die Industrie- und Handelskammern: Die in Wiesbaden, Mainz und Frankfurt haben ein eigenes Tourismusforum gegründet und im vergangenen Dezember eine Studie des an der Universität München angesiedelten wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Femdenverkehr vorgestellt. Ergebnis: „Die Potentiale der Rhein-Main-Region sind bei weitem nicht ausgeschöpft.“

          Im Blick hat das Trio, so der Frankfurter Kammerpräsident Joachim von Harbou, zwar vor allem den Business-Reisenden, aber nicht nur den. Eine nicht unerhebliche Schwierigkeit, die einem anhaltenden Besucherzuwachs entgegensteht, hat Harbou auch benannt: Der Begriff Rhein-Main verfüge „weder im touristischen noch im Sektor der Geschäftsreisen über eine Markenkraft“. Paddeln auf der Lahn und Arbeitstrips in Stadthotels, der Rheingau, der Flughafen, und das rauhe, herb-schöne Nordhessen ist auch nicht weit: solche Polarität als im Grunde zusammengehörend zu vermitteln ist offenbar nicht einfach.

          Und ein einprägsames Motto ähnlich dem Stoiberschen „Bayern ist Laptop und Lederhosen“ hat für die Rhein-Main-Region oder gar das ganze Bundesland Hessen, in dessen Bankenstadt Frankfurt „das Herz Europas schlägt“ (Deutsche Zentrale für Tourismus) und das 41 Prozent zusammenhängend baumbestandener Fläche hat, noch niemand geprägt. Auch nicht im Tourismusbeirat, den wiederum die Hessen-Agentur Ende 2005 gegründet hat: 14 regionale Tourismus-Fachverbände gehören ihm an, Vertreter der Reiseindustrie, Hoteliers.

          Platz fünf unter den Bundesländern

          An einem einheitlichen Auftritt zumindest für die erweiterte Rhein-Main-Region arbeitet auf der politischen Ebene zudem der Arbeitskreis Tourismus in der Regionalkonferenz. Er hat 19 Mitglieder aus Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz, von Frankfurt über Darmstadt bis nach Mainz und Limburg. Anfang Juni, gerade noch rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft, hat er, nach jahrelanger Vorbereitung, eines seiner zentralen Projekte verwirklicht.

          „Ein Zwischenergebnis wäre geschafft, wenn die Region über eine einzige Homepage buchbar wäre“, hatte im Sommer 2004 der damalige Vorsitzende des Arbeitskreises in der Regionalkonferenz, der CDU-Landrat im Rheingau-Taunus-Kreis, Bernd Röttger, auf die Frage nach der Qualität der Zusammenarbeit und nach den lokalen Egoismen dabei gesagt. Sein Nachfolger im Landratsamt und als Chef des Arbeitskreises, der SPD-Politiker Burkard Albers, will zum Thema Tourismus derzeit gar nichts sagen. Immerhin, die Homepage gibt es jetzt also (www.frankfurt-rhein-main.de) und zusätzlich zahlreiche weitere Möglichkeiten, auch am Computer Tagungs- und Ferienaufenthalte zu buchen. „Wer nach Hessen will, der kommt hin“, sagt eine Sprecherin der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT).

          Im vergangenen Jahr wollten das so viele, daß insgesamt 25,17 Millionen Übernachtungen inklusive derer auf Campingplätzen registriert wurden. Im deutschlandweiten Ranking lag das Bundesland damit nach Angaben der Hessen-Agentur auf Platz fünf (Spitzenreiter war Bayern mit 74,57 Millionen Übernachtungen). Geschätzte 200.000 Arbeitsplätze hängen in Hessen vom Tourismus ab; im Jahresdurchschnitt sorgen die Besucher für Bruttoumsätze von knapp zehn Milliarden Euro. Die wenigsten Übernachtungen (362 000) hat übrigens der Landkreis Gießen, die meisten die Stadt Frankfurt (4,56 Millionen) vor dem Kreis Waldeck-Frankenberg (2,98 Millionen). Und eine wunderschöne Parkanlage, in der die Schwaneninsel wie eine Seerose in einem Bassin zu schwimmen scheint, hat die Orangerie in Kassel.

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