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Torstraße in Berlin : Die Stadt, die Lichter

  • -Aktualisiert am

Du kannst so schön schrecklich sein, deine Nächte fressen mich auf: So singt Peter Fox in „Schwarz zu blau“, der vielleicht schönsten Hymne an die wiedervereinigte Stadt Bild: Julia Zimmermann

Die Torstraße hat sich zum Zentrum von Berlins Mitte entwickelt. Hier landet, wer sich für Avantgarde hält oder nachts noch ein Bier braucht. Die einzige Konstante ist Veränderung - die „Russendisko“ war nur der Anfang.

          Jan Mihm steht bei kühlem Märzwind auf dem Teerpappendach über seinem Büro, fünf Stockwerke hoch über dem Rosenthaler Platz, vor sich ein Sandsack, Liegestühle, ein zerfetzter rot-weißer Windwimpel. Er deutet nach Westen: „Meine Lieblingsperspektive auf die Torstraße“, sagt er. „Da sieht man den Sonnenuntergang.“

          Jan Mihm ist Chef von Uslu Airlines, einer Kosmetikmarke. Er trägt grünen, blauen und aschgrauen Nagellack an den Fingern, ein Blümchenhalstuch und einen Vollbart. Er gehört zu denen, die am längsten hier sind - dabei ist er erst 2005 gekommen. Davor war er in New York. Er hat mit Abstand den besten Blick auf die Torstraße in Berlin.

          Die Torstraße ist grau und breit und lang. Hässlich, sagen manche. Wäre die Torstraße eine Farbe, wäre sie seit neuestem Korallenrot. Darauf hat sich zumindest ein Dutzend junger Männer geeinigt. Sie haben Cafés, Klamottenläden und ihre Wohnungen hier, die meisten erst seit zwei, drei Jahren, sie lieben ihre Straße. Und deswegen gibt es nun einen korallroten Lippenstift namens „Tor“. Der war Mihms Idee. Zu kaufen gibt es ihn nur hier.

          „Wir sind die coolsten und besten“

          Seit Ende März lässt Mihm Videokunst auf seine Bürofenster projizieren, man sieht es von unten. „Lokalpatriotismus“, sagt er und grinst. „Wir wollen zeigen, wir sind die coolsten und besten.“ Man merkt der Straße den sozialen Umbruch an: Die Plattenbauten stehen noch, aber ohne Reservierung wochentags Essen gehen in den edlen Restaurants auf der Torstraße? Keine Chance. Die, die schon da sind, spüren den Druck. Sie wollen nicht, dass auch die großen Marken herziehen. Sobald einer einen freien Laden auf der Straße sieht, jagt er die Info über den E-Mail-Verteiler, hoffend, dass sich das soziale Milieu hier hält.

          Berlin Mitte, Torstraße

          So deutlich wie von hier oben auf Mihms Dach kapiert man es unten auf dem Asphalt nicht: Die Torstraße hat etwas von einer Schneise, in den Häuserwald gefräst. Gehweg, Parkspur, vier Fahrstreifen, Parkspur, Gehweg; nach Osten ist sie wegen der Straßenbahn in der Mitte sogar noch breiter. Auf dem Stadtplan liegt die Straße wie ein Bumerang quer in Berlin. Am Westzipfel die Friedrichstraße, vom Ostzipfel aus nach Süden landet man direkt am Fernsehturm am Alexanderplatz, und am Scheitelpunkt in der Mitte liegt der Rosenthaler Platz mit seinen Imbissständen und dem irren Verkehr und Mihms Dach. Wenn Mihm sich einmal rundum dreht, riecht er aus den Abluftrohren Pizza und Döner, er hört lärmendes Rauschen, sieht in der Nähe sieben Kräne. Berlin ist hier immer noch im Werden begriffen.

          Es sind zwei Kilometer vom einen Ende der Torstraße zum anderen. Wer sich bei Google-Streetview die Straße entlangzoomt, sieht die Vergangenheit. Alte Läden, die nun kleinen Hipstershops, Currywurstboutiquen, Designradläden gewichen sind, die Lücke am Platz hat eine Hotelkette geschlossen, der kommunismusrote Bungalow der nach der UdSSR benannten „CCCP“-Bar wurde abgerissen (die Bar befindet sich nun in der Rosenthaler Straße um die Ecke), nun steht da ein schwarzer Würfel, das „Hotel Mani“.

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