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Torstraße in Berlin : Die Stadt, die Lichter

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Mit der Klapptafel vor dem „St. Oberholz“ auf der „Zucker, Mehl, Salz, Nährmittel“ steht. Und wahrscheinlich ist auch genau deswegen das kleine Restaurant „Themroc“ stets rappelvoll: ostig-schlichte Einrichtung, wackelige Stühle, angestoßenes Geschirr und jeden Abend nur ein Drei-Gänge-Menü für 33 Euro. Oder der Brillenladen Lunettes, der sich auf Vintage-Fassungen spezialisiert hat, die in einer Optikerkommode von 1915 liegen; das neueste Modell der eigenen Kollektion heißt „I’m ready if you are“.

Und so passt auch das „Soho House“ irgendwie dazu, auch wenn es wie ein Luxus-Satellit am anderen Ende thront, jenseits einer Gewerbebrache mit einem Netto-Discounter hinterm Rosa-Luxemburg-Platz: Die Betonpfeiler im Haus blieben krümelig roh, über der Bar im Restaurant hängt angeblich der alte Original-Lüster aus dem Londoner „Savoy“, Staub inklusive. Patina ist hier Teil der Marke. Dass die Geschäftsführerin die Straße, die Läden und Restaurants nicht kennt - na ja, auch andere fremdeln. Am schwarzweißgestreiften Happy Shop mit unabhängiger Designermode steht „Please knock“ an der pinkfarbenen verschlossenen Tür. Warum das? Damit nicht so viel geklaut wird, heißt es, die Torstraße sei ein derbes Pflaster.

„Da wo Du strahlst“

Die Torstraße lebt auch von ihren Mythen. Lange hieß es, Angelina Jolie und Brad Pitt planten, eine Wohnung hier zu kaufen. Man habe sie mit den Typen vom Architekturbüro Graft im „Bandol“ gesehen. Es gab sogar eine Komödie mit dem Titel „Warten auf Angelina“. Gerade die Gegend „North of Torstraße“, wie es die deutsche „Vanity Fair“ 2007 formulierte, sei im Gespräch, „NoTo“ nenne man das, so wie SoHo in New York. Kurz darauf eröffnete ein Restaurant namens „Noto“, das bis heute mit hohen Preisen einen Glamour zu vermitteln versucht, den das Essen leider nicht hergibt; selbst Blixa Bargeld aß sein Tintenfischrisotto nicht auf.

Beim Männerladen „Soto“ ist der Name mehr ein Augenzwinkern. Und dann ist da die Hausnummer 140, ein altes Gebäude mit großen Sprossenfenstern und ohne Namen an der Tür. Auf dem Dach ist wirklich der große Pool, von dem alle raunen, Wim Wenders wohne da und Vicky Leandros und ein Spielautomatenkönig und Internet-Startup-Millionäre. Unten im Kinderkaufhaus sieht man spätabends oft Paare, die Wange an Wange Tango tanzen, nebenan gibt es Edelküchen. Gegenüber bauen Graft-Architekten Luxus-Lofts.

Es dämmert: ein Frühlingsabend. Vor einem der Läden hat einer einen Grill auf den Bürgersteig gestellt. Die Schauspielerin Nina Hoss sitzt vor dem „Themroc“. An einem Haus prangen fassadenbreit untereinander die Worte „Restaurant Kyo“, „Waldo Bar“ und „Kill Acta“. „Auf der Torstraße bin ich unter den Gestörten nur Mittelfeld“, schreibt der Leipziger Buchpreis-Gewinner Wolfgang Herrndorf in seinem Blog. Nur schnelle sieben Minuten mit dem Rad liegen zwischen dem „Soho House“ in Hausnummer 1 und der „Bravo Bar“ am anderen Ende in Nummer 230. Und doch gefühlt zwei Jahrzehnte. Die Wände in der „Bravo Bar“ sind unverputzt, der Stuck bröckelt, ein Hai-Ballon zuckt matt über der Theke. Es gibt nicht viel: zwei Sorten Bier, Gin, Wodka, Weißwein, Champagner. Und ganz oben, klein und rotgeschlungen eine Leuchtschrift: „Da wo Du strahlst“. Es ist kaum lesbar.

Der Weg in die Torstraße

Einkaufen Museum für Berliner Merkwürdigkeiten: Surreales „Designpanoptikum“ von Vlad Korneev (www.designpanoptikum.de). Moebel Horzon: Rafael Horzon ist ein Phänomen der Berliner Kunstszene. Hier gibt es sein legendäres Regal zu kaufen (www.modocom.de). Soto: Männerkleidung zwischen „casual und chic“ (www.sotostore.com). Lunettes: Vintage-Brillen und eigene Kollektion (www.lunettes-brillenagentur.de). Happy Shop: Originelle Boutique, u.a. mit Christopher Kane, Miharayasuhiro und Bernhard Wilhelm (http://happyshop-berlin.com). Stue: Möbelladen mit dänischem Design (www.stueberlin.de). Grober Unfug: der beste Comicladen der Stadt (www.groberunfug.de).

Essen und Trinken St. Oberholz: trotz des Digitale-Boheme-Hypes grundsympathisch (www.sanktoberholz.de). Trois Minutes sur Mer: französisches Bistro mit tollem Essen (Torstraße 167, Tel. 030/67302052, keine Website). Café Moerder: mit Hinterhofgarten und leuchtendem Logo „Oede“ (www.unternehmen-mitte.de)

Noch mehr trinken Bravo Bar: neu und voll, rohe Wände (ab 22 Uhr, http://bravo-bar.de). Muschi Obermaier: abgeranzte, lustige Eckkneipe (www.muschiobermaier.de). Neue Odessa Bar: Wände aus Zigarettenrauch und Alkoholdunst, junges Publikum (www.neueodessabar.de). Butcher’s Bar: Geheimbar im Hinterraum eines Burgerladens, Eingang durch eine falsche Telefonzellentür (http://butcher-berlin.com)

Schlafen Hotel Mani: Boutique-Hotel, französisch-israelische Küche, DZ ab 74 Euro (www.hotel-mani.de). St.-Oberholz-Apartments: Großzügige Wohnungen, 220 Euro die Nacht (www.sanktoberholz.de). Soho House: Eklektische Luxuszimmer, ab 150 Euro, Mitgliedschaft 900 Euro im Jahr (www.sohohouseberlin.de)

Russendisko Der Film „Russendisko“ ist seit Donnerstag im Kino. Der gleichnamige Kurzgeschichtenband von Wladimir Kaminer erschien 2000 bei Goldmann (inzwischen als Taschenbuch, 7,99 Euro). Die nächste Russendisko im „Kaffee Burger“ gibt es am 14.4. ab 22 Uhr (www.kaffeeburger.de).

Literatur Rafael Horzon: „Das weiße Buch“, Suhrkamp 2010. Helmut Kuhn: „Gehwegschäden“, FVA 2012. Wolfgang Herrndorfs Blog: www.wolfgang-herrndorf.de

Weitere Informationen über Berlin unter www.visitberlin.de

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