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Torstraße in Berlin : Die Stadt, die Lichter

  • -Aktualisiert am

„Teil einer Bewegung“

Am Rosenthaler Platz ist das „St. Oberholz“. Mit diesem Café und seinen gemalten Bären und Pferden auf der Fassade fing 2005 der Boom der Straße an. Der Werber und Blogger Sascha Lobo arbeitete hier, die sogenannte digitale Boheme zog nach, Bilder vom „Oberholz“ kommen in den „Tagesthemen“, wenn übers Internet berichtet wird, Ashton Kutcher war neulich auch da. „Ich habe gar nicht mehr das Gefühl, dass es mein Nachname ist“, sagt Ansgar Oberholz und fährt sich durch die blonde Strähne auf dem Kopf, der Rest ist abrasiert. Mittlerweile gehören zwei weitere Etagen im Haus mit Apartments und ein Stockwerk mit Büros zum Anmieten dazu.

In den zwanziger Jahren war hier das „Gasthaus Aschinger“, in den Büros sieht man noch die sternförmigen Intarsien im Parkett, alte Kacheln, neu ist der Tafellack an der Wand, die Lampen mit neonfarbenen Kabeln. „Man weiß, man ist Teil einer Bewegung“, sagt Oberholz. Diese Bewegung entstand so schnell, dass selbst die Verfilmung von Wladimir Kaminers Kolumnensammlung „Russendisko“ den Ursprung der „Russendisko“ alt aussehen lässt. Der Club „Kaffee Burger“, in dem Kaminer seit 1999 zwei Mal im Monat seine punklastigen russischen Platten auflegt und in dem noch heute DDR-Tapete klebt, wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Wie in einer Höhle

Bis 1994 war die Straße nach dem SED-Gründer Wilhelm Pieck benannt, die Zentrale der Partei war in Hausnummer eins. Dort residiert nun die Berliner Filiale des Privatclubs „Soho House“. Für 900 Euro im Jahr dürfen diejenigen, die vom Soho-House-Komitee aufgenommen werden, auf dem Dach im grünen Roofpool kraulen. Piecks Eckbüro wiederum heißt jetzt als Reminiszenz „Politbüro“. Dass die Interviews zur „Russendisko“- Premiere hier stattfanden, dass man gar zur „Russendisco“ lud, ohne den Namen Kaminer zu kennen, zeigt, wie weit weg das Ganze schon ist.

Die Berliner Kreativbranche treibt sich auf der Torstraße herum, sie geht abends schwarz oder aschefarben gekleidet ins Restaurant „Bandol sur Mer“ oder in den neuen Bistro-Ableger „Trois Minutes“. Zur Dorade auf Gemüse gibt es Zitronen-Brioche. Auch Sabrina Dehoff isst hier gerne. Die Schmuckdesignerin hat ihre Boutique ein paar Häuser weiter. Seit sie 2000 aus Paris zurückkam, wohnt und arbeitet sie auf der Torstraße.

Wer in ihrem komplett schwarz getünchten Laden auf der schwarzen Wildlederbank sitzt, hinter Schaufenstern mit golden und neonfarben blitzenden Ringen und Armreifen, fühlt sich wie in einer Höhle. „Es ist eine Straße, die sich nicht vereinnahmen lässt“, sagt Dehoff, nestelt an ihrem Seidentuch und lächelt. „In den Neunzigern kaufte man für fünfzig Euro ein paar Kästen Bier und stellte sie in einen Raum“ - fertig war die Bar.

Ein Luxus-Satellit

Heute wird diese Improvisation inszeniert, gerade auf der Torstraße: in den Ladendisplays von „Soto“, gebaut aus einem alten Klappfenster auf alten Weinkisten; im „No. 74“ daneben, in dem Adidas hinter einer derart rumpeligen Fassade Sonderkollektionen verkauft, dass keiner merkt, dass es Adidas ist; im Burgerladen „Fleischerei“, in dessen Hinterraum jüngst eine Geheimbar namens „Butcher’s Bar“ öffnete, nur mit dem Schallschutz gibt’s gerade Probleme.

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