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Tirol : Auf der Suche nach der veränderten Zeit

Der Skiort Serfaus Bild: Andreas Lesti

Früher waren sie beschaulich, heute sind sie gut besucht: Manche Bergbauerndörfer in Tirol haben gelernt, mit dem Tourismus umzugehen. Die Geschichte vom Gestern, Heute und Morgen. Die Geschichte von Serfaus.

          5 Min.

          Und der Skilehrer sagt: "In ganz Europa hat kein Skigebiet so eine Lasershow. Auch Ischgl nicht." Und der Dorfarchivar sagt: "Wir haben hier oben viel Tradition und Exklusivität zu bewahren." Und der Tourismus-Obmann sagt: "Gulasch! Ich sag' immer Gulasch. Wir müssen ganz einfach das beste Gulasch haben." Und eigentlich ist das auch schon die ganze Geschichte. Die Geschichte von einem kleinen Tiroler Bergdorf, das ein großes Tiroler Tourismusdorf wurde. Die Geschichte vom Gestern, Heute und Morgen. Die Geschichte von Serfaus.

          Andreas Lesti
          (asl), Feuilleton

          Gestern:

          Einer, der sich an das letzte halbe Jahrhundert und den Beginn des Fremdenverkehrs in Serfaus bestens erinnern kann, ist Sigmund Tschuggmall. Er ist 73 Jahre alt und seit 28 Jahren Tourismus-Obmann des Ortes, und sein Titel besagt, daß er die Wandlung des Dorfes erfolgreich mitgemacht hat und währenddessen eine Menge über Tourismus gelernt hat. Er sitzt auf einem Sessel in der Lobby des Hotels "Maximilian" in Serfaus. Er trägt einen dicken Norwegerpulli und darunter eine Krawatte.

          „Damals”: Tiefe Betten, hohe Berge
          „Damals”: Tiefe Betten, hohe Berge : Bild: FVV Serfaus

          Wer ein bißchen sucht, der wird in jedem Bergdorf Österreichs einen wie Tschuggmall finden, einen "Echten", der gemütlich in der Stube sitzt und vom Gestern erzählt, dabei das Heute kritisiert und sich doch für das Morgen verantwortlich fühlt. Einen, der sich zurücklehnt, in der Erinnerung versinkt, der lächelt und dessen spitzbübischer Blick - wie der Tschuggmalls - besagt: Ja, ja, das war schon was, damals. Und dann beginnt er zu erzählen. Davon, wie die ersten Touristen von Innsbruck nach Serfaus kamen (1910 war das), wie die Menschen im Ort reagierten, wie sie schnell ein Verkehrsamt und eine Skischule gründeten. Davon, wie "der Hitler die Straße von Ried herauf" bauen ließ und wie sogar "mein Vater, ein einfacher Bauer, plötzlich im Dachboden Gästezimmer" anbot. Davon, wie die erste Seilbahn - eine Kiste mit dreißig Zentimeter hohen Bordwänden - hinauf zur Komperdell-Alpe fuhr und wie später, als zwei Gondeln rund fünfzig Menschen hinaufzogen, in Serfaus die Kreissägen stehengeblieben sind.

          Mut der Tourismus-Pioniere

          Und so kommt der Tourismus-Obmann schnell zu den Jahren 1958 und 1970. Zwei sehr wichtige Jahre, das merkt man gleich. Mimik, Gestik, alles weist darauf hin. Tschuggmall zählt an seinen kräftigen Fingern die drei Punkte auf: Daumen: "Große Euphorie." Zeigefinger: "Überhaupt kein Geld." Mittelfinger: "Goldgräberstimmung." Das war vor fast fünfzig Jahren, aber Tschuggmall freut sich noch heute wie ein kleiner Junge über diesen tollkühnen Streich. Immerhin: Ohne den Mut von Pionieren wie ihm hätte sich Serfaus vielleicht nie dem Tourismus geöffnet. Es ging dann rapide: Hotels, Restaurants, Skischulen und Lifte gediehen auf einmal wie das Almwiesengras auf dem abgeschiedenen Bergplateau in 1400 Meter Höhe. An einem Wintertag im Jahr 1970 schließlich saß Tschuggmall mit dem Bürgermeister, dem Bergbahnchef, dem Pfarrer und einigen anderen zusammen. Die Männer waren sich einig: "Jetzt sind wir ein Tourismusort und leben nicht mehr von der Landwirtschaft."

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