https://www.faz.net/-gxh-6uaby

Tessin : Traurige Genies, triebhafte Industrielle

  • -Aktualisiert am

Hier wohnt schon das Mediterrane: ein Platz in Locarno. Bild: Volker Mehnert

Dolcefarniente auf Schweizerisch: Die Kunst des stilvollen Müßiggangs beherrschen die Tessiner Städte Lugano, Ascona und Locarno bis heute formvollendet.

          6 Min.

          Was hatten wir uns nicht alles vorgenommen für die Tage im Tessin: Im wilden Gebirgsbach des Verzascatales wollten wir baden, in Bellinzona die drei mittelalterlichen Wehrburgen besichtigen, auf dem Monte Verità dem Geist einer skurrilen Esoteriker- und Künstlerkolonie nachspüren, und natürlich wollten wir auch auf den Spuren von Hermann Hesse nach Montagnola wandern. Nichts von alledem haben wir gemacht, sondern uns statt dessen verführen lassen vom Dolcefarniente, dem süßen Nichtstun an den Ufern von Lago Maggiore und Luganer See.

          Das Virus des Müßiggangs, von dem offensichtlich auch viele andere Gäste befallen werden, erwischte uns schon am ersten Tag in Lugano, obwohl man dort zunächst gar nicht an Urlaub denken mag. Denn die Seepromenade wird vom Autoverkehr erdrückt und präsentiert sich alles andere als idyllisch. Und doch kommt man als Besucher ausgerechnet hier bald zum Stillstand, um die seltsame Automobilschau auf der Uferstraße zu beobachten. Der Korso der Luxuskarossen, die von früh morgens bis weit nach Mitternacht vorbeirollen, ist unglaublich. Jedes erdenkliche Modell der europäischen Nobelmarken, jede noch so ausgefallene Variante von Sportwagen und Cabriolets ist vertreten. Es ist ein Schaulaufen der neuesten, größten, teuersten Vierräder, und auch die wenigen Kleinwagen kommen vorwiegend in effektvollem Design und extravaganten Ausführungen daher.

          Museumspracht und Spekulationsschande

          Lugano, das wird rasch deutlich, ist reich. Die Stadt lebt blendend von ihrer Funktion als finanzielle Drehscheibe zwischen Italien und der Schweiz. Sie ist eine Brücke für den Handel zwischen Nord und Süd und sieht sich mehr als Geschäftszentrum in privilegierter Lage am See denn als Ferien- und Badeort. Schon seit dem Ersten Weltkrieg hat sie sich als Fluchtpunkt für Kapital aus dem wohlhabenden, industrialisierten Norden Italiens angeboten. Mehr als hundert Bankinstitute haben heute hier ihren Sitz, und die Immobilienspekulation hat dazu geführt, dass die Seeufer und die angrenzenden Berghänge fast völlig zugestellt sind. Dass nun ausgerechnet um den großartigen Museumsbau des Lugano Arte Contemporanea ein Streit ausgebrochen ist, verwundert den Besucher um so mehr. Wie kann es nach all den belanglosen Konstruktionen der vergangenen Jahrzehnte Widerstand geben gegen die vorbildliche Restaurierung des traditionsreichen Hotels Palace und dessen zwar gewagter, aber eindrucksvoller Anbindung an ein modernes Museumsgebäude, mit dem sich Lugano von 2013 an mit großen Schweizer Museumsinstitutionen wie der Fondation Beyeler in Basel oder dem Paul-Klee-Zentrum in Bern messen möchte?

          Schöner werden die Alpen kaum irgendwo: Blick auf Lugano samt See.
          Schöner werden die Alpen kaum irgendwo: Blick auf Lugano samt See. : Bild: Volker Mehnert

          Das Museum wird noch mehr Leben bringen in eine Stadt, die schon jetzt zu allen Jahreszeiten höchst betriebsam ist. Hier gibt es keine saisonbedingten Schließungen von Hotels und Restaurants, so dass man als Besucher auch im Herbst und sogar in den meist sonnigen Wintermonaten beim Mittagessen nicht allein auf den Piazzas sitzt. Weil dort die automobile Schau durch einen stilvollen Aufmarsch der Signore, Signoras und Signorinas ergänzt wird, möchten wir unsere einmal eingenommene Beobachtungshaltung nicht mehr aufgeben und wechseln nur hin und wieder den Logenplatz: vom Café Vanini oder dem Restaurant Federale auf der Piazza Riforma zur Strandbar auf den Pontons der Badeanstalt von Loreto, von den Liegestühlen unter uralten Platanen, Eichen und Kastanien im Parco Civico zu den Stufen vor der Kathedrale San Lorenzo, von denen aus man einen göttlichen Blick über die Stadt, den See und die flankierenden Berge hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Blick auf die Brücke, die die von Russland annektierte Halbinsel Krim mit dem russischen Festland verbindet.

          Meeresblockade : Ukraine wirft Russland Eskalation vor

          Kiew schlägt abermals Alarm: Moskau wolle einen Teil des Schwarzen Meers für ausländische Kriegsschiffe sperren. Russlands Militärübungen an der Westgrenze gehen derweil weiter. Und die Armee der Ukraine probt die Abwehr eines Vorstoßes von Panzern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.