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Szene-Stadt Leipzig : Vergesst Prenzlberg!

  • -Aktualisiert am

Platz für Lebenskünstler gibt es in Leipzig mehr als genug. Die Stadtkarawane zeigt Besuchern, wo. Bild: Volk

Leipzig soll das neue Berlin sein. Warum eigentlich? Unterwegs als Touristin in der eigenen Stadt.

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          „Leipzig heißt jetzt Hypezig“, sagt meine Freundin zu mir, während wir vor einem Siebdruckstand auf dem Georg-Schwarz-Straßenfest in Leipzig stehen. Hier im Leipziger Nordwesten könnte man noch einen Film drehen, der zur Wendezeit spielt: Ein unsaniertes Haus reiht sich an das nächste, „Zoologisches Fachgeschäft“ steht über einem Schaufenster, aber Tiere gibt es dort längst keine mehr zu kaufen. Die Haustür steht offen, im Hinterhof spielt eine Band. Es gibt Stände mit veganen Burgern, Kunstcafés, einen Laden für Selbstgemachtes und Informationen über Bürgerbegehren. Es gibt viele Ideen und viel Platz in dieser Straße. Nur nicht für die Tram. Alle zehn Minuten klingelt ein neuer Fahrer, damit die Leute zur Seite treten.

          „Weiß doch jeder, dass Leipzig die beste Stadt im Land ist“, redete meine Freundin weiter. Tausend Möglichkeiten gebe es hier, etwas zu erleben, genauso wie in Berlin. Aber, und das sei der Unterschied: Die Leipziger seien viel zu lässig, um nur cool zu sein. In ihrer Hand hält sie ein Shirt, das sie gerade bei „hinz und kunz“ neben dem alten Zoogeschäft ertauscht hat. Der Siebdruck kostet nichts, wer mag und kann, darf etwas spenden. Ich verabschiede mich von meiner Freundin und springe in die nächste Straßenbahn, zusammen mit sechs anderen Leuten und Jenny.

          Sie organisiert heute die Stadtkarawane, einen alternativ angehauchten Stadtrundgang. Jedem von uns drückt sie einen anderen einen Plan in die Hand. Auf dem steht, wen wir wo treffen werden und welche Straßenbahn uns dorthin bringt. Uwe ist unsere erste Station.
          Uwe ist Quantenheiler, Waldorflehrer, Kleinunternehmer. Er ist ein Mensch, wäre wohl die richtige Bezeichnung. Ein Mann von Mitte vierzig, mit weißgrauem Haarkranz. Tagsüber ist er Lehrer an einer Waldorfschule, nachmittags kümmert er sich um seine Hobbys: Kochen, Bücher und Steine. Auf der Karl-Liebknecht-Straße, Leipzigs studentischer Kneipenmeile, betreibt er einen Mineralienladen mit Kräuterhandlung und Café.

          „In Leipzig kann man frei sein“

          Wäre ich nicht mit der Stadtkarawane unterwegs, ich wäre nie in Uwes Laden gegangen. Aber genau das will der Verein, der diese Rundgänge der anderen Art organisiert: Menschen zusammenbringen, die einander normalerweise nicht treffen würden. Vor zehn Jahren sah Uwes Kiez so aus wie die Georg-Schwarz-Straße noch heute. Inzwischen läuft man Slalom um Caféstühle und Tische herum, um in seinen Laden zu kommen. Dort liegen bunte Steine in Holzsetzkästen, in einem Regal stehen Kräuterpflanzen, in einem anderen dahinter die Lektüre über den Weg zu Gott. „Ich bin Atheist“, sagt Uwe. „Religion bedeutet für mich die Rückbindung an die Natur. Deshalb mache ich auch Quantenheilungen.“

          Leipzig sei der richtige Ort dafür: ein Ort mit Ausstrahlung, und das schon seit Generationen. Uwe macht das an vielen Ereignissen fest, die nicht unbedingt zusammenpassen: In Leipzig kreuzten sich die beiden großen römischen Handelsstraßen Via Regia und Via Imperii, vor den Toren der Stadt wurde Napoleon geschlagen und auf ihren Straßen das DDR-Regime zu Fall gebracht. „In Leipzig kann man frei sein, und um den Moment der Freiheit zu finden, braucht man manchmal etwas Quantenheilung“, sagt Uwe. Quantenheilung bedeute, dass all die Materie, die einst vereint war, wieder vereint wird, dass man sich zurückbesinnt auf den Anfang, auf das Wesentliche. Seit 22 Jahren ist Uwe Lehrer, davor war er im Baukombinat beschäftigt. „Als der Schabowski den Zettel vorgelesen hat, dass die Grenzen offen sind, da hat sich der ganze Himmel mit geöffnet“, sagt er. Offen ist er geblieben. Zumindest für Uwe über Leipzig.

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