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Szene-Stadt Leipzig : Vergesst Prenzlberg!

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Unser zweiter Gastgeber Frank werkelt im Stadtgarten in Connewitz, keine zehn Minuten zu Fuß von Uwe entfernt. Ein Kräuterbeet im Schachbrettmuster empfängt uns, darüber wuchert ein Fliederbusch. Franks Hände stecken im Hochbeet, als wir ankommen, deshalb streckt er uns zur Begrüßung sein Handgelenk entgegen. In keiner anderen deutschen Stadt gibt es mehr Gärten als in Leipzig. Eigentlich ist das ganze Stadtgebiet eine Ansammlung von Grünflächen, durchbrochen von Häuserzeilen. Moritz Schreber, dem die Schrebergärten ihren Namen verdanken, stammte aus Leipzig. 1865 wurde hier der erste Schreberplatz eingeweiht, eine Spielwiese, auf der die Kinder der Arbeiterfamilien herumtollen durften. Erst später kamen Beete dazu, die sich erst in abgegrenzte Parzellen, dann in die heutigen Schrebergärten verwandelten. Gartenarbeit wurde zu Schrebers Zeit sogar benotetes Schulfach. Als Schulgarten entstand auch der Stadtgarten in Connewitz.

Verbieten verboten

„,Verbieten verboten‘ würde ich am liebsten ans Tor schreiben“, sagt Frank. Schulklassen kommen immer noch – und dann dürfen die Kinder alles, was sie sonst nicht dürfen: laut sein, in Bäumen herumkraxeln, sich dreckig machen. Nebenbei zeigt Frank ihnen echte Regenwürmer und all die anderen Dinge, die sie im Supermarkt nicht finden. Die Pflanzen, die er hegt und pflegt, sind reines Anschauungsmaterial. „Ich baue Sorten an, die es auf dem Markt nicht mehr gibt, weil sie zu wenig Ertrag bringen oder irgendwie seltsam sind“, sagt er. Blaue Kartoffeln zum Beispiel. Die Karawane zieht weiter, quer durch die Stadt, zu ihrem dritten Halt, in einen Stadtteil, wo Männer Jogginghosen tragen und Frauen kräftiges Make-up.

Es geht vorbei an einem Dönerladen, an zwei Pfandleihern, einer Spielothek und einer Shisha-Bar (für Männer und Frauen). Dann sind wir bei Alexandra. Sie sitzt in einem kaum acht Quadratmeter großen Raum vor einem Regal voller Bücher. Russisch, Slowenisch, Paschtu, Türkisch, Vietnamesisch steht auf den Schildern an den Borden. Alexandra hat eine Bücherei für Migranten gegründet. „Ich bin vor zehn Jahren zum Studium nach Leipzig gekommen“, erzählt sie. „Moskau war eine schwierige Stadt damals.“ Wie es jetzt dort ist, weiß sie nicht. Alexandra will in Leipzig bleiben, wie überhaupt alle, die wir getroffen haben.

Bei Alexandra endet die Stadtkarawane, doch meine „Hypezig“ Freundin ruft mich an und zitiert mich in die alte Baumwollspinnerei in den Westen der Stadt. Der Klinkerbau ist die Heimat unzähliger Galerien und Ateliers, die heute alle geöffnet sind. Der Weg dorthin führt durch den Clara-Zetkin-Park, Leipzigs Fahrrad-Highway. Auf der Sachsenbrücke, die den Süden der Stadt mit ihrem Westen verbindet, sitzen Menschen, viele Menschen. Sie sitzen in der Sonne wie andere im Café oder in der Kneipe. Nur dass sie nichts kaufen müssen, um bleiben zu dürfen. Ihr Bier haben sie sich selbst mitgebracht, und auf den Wiesen glühen die Grills und die Gesichter. Ein Mann mit einer Gitarre und einem Hut singt seine Version des Neil-Young-Klassikers „Hey, hey, my, my – rock and roll will never die“.

Meine Freundin schleift mich in eine Kneipe im zweiten Stock der Halle 14. Dort steht das „Banister Inn“. Ein Pub, aus altem Holz zusammengenagelt. Mark hat es gebaut. „Ich habe Hausverbot in allen Kneipen der Stadt“, sagt er. „Jetzt habe ich meine eigene.“ Das Bauholz dafür hat er sich zusammengesucht, auf Industriebaracken und in leerstehenden Häusern, an Orten, durch die nachts Bässe wummern und an denen abends Kinofilme über Wände mit abgeblätterten Farben flackern. Da also, wo die Partys stattfinden, die man in keinem Stadtmagazin findet und die auch nicht auf Facebook angekündigt werden. Mark hat an Resten eingesammelt, was er brauchen konnte, alles in seinen Bus geladen und sich dieses Pub gebaut. Der Holzbau ist sein Kunstprojekt. Drinnen stehen eine Handvoll Leute mit Club-Mate-Wodka in der Hand. Nur meine Freundin nicht, sie schleicht mit selbstgemalten Aufklebern um das „Banister Inn“ und klebt es voll. Ganz legal, im Namen der Kunst. Der Leipziger Lebenskunst.

Die Stadtkarawane will Menschen zusammenbringen, die sich im Alltag vermutlich begegnen, aber selten miteinander sprechen.

Jeden zweiten Samstag bietet der Verein einen rund vierstündigen Stadtspaziergang durch Leipzig an, der die Besucher zu Menschen nach Hause, in deren Garten oder an andere persönliche Orte bringt.

Wem der Rundgang gefällt, kann für den Verein spenden. Mehr unter www.stadtkarawane.de

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