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Sylt : Inseln im Schnee

Sylt oder Arktis? An der Sturmhaube bei Kampen schwappt das Meer als Semifreddo in die Schneewehen am Strand. Bild: Niklas Maak

Es sind kaum Menschen da, und es schneit mehr als in jedem Skigebiet: Wer Ruhe sucht, für den ist Sylt der beste denkbare Wintererholungsort.

          Das Meer war weg. Vor Niebüll wurde der Schnee so dicht, dass man die dunklen, ins flache Marschland geduckten Backsteinhäuser nicht mehr sah, dann ratterte der Zug über den elf Kilometer langen Hindenburgdamm ins Wattenmeer und in den Schneesturm hinein - aber das Wattenmeer war verschwunden. Stattdessen schaute man in eine festgefrorene, schneeverwehte Eislandschaft, es war, als habe Caspar David Friedrich persönlich die Priele und Sandbänke mit einem romantisch zerklüfteten Eisschollenszenario zugemalt. Das Wattenmeer war unter dem Eis verschwunden und sah aus wie der Nordpol, und man hätte sich nicht gewundert, wenn auf den breiten Schollen draußen hinter dem Damm auch noch ein paar Eisbären aufgetaucht wären.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Eis machte aus Sylt zumindest optisch wieder einen Teil des Festlandes, was die Insel ja auch einmal war - zumindest bis zu der Flut, die als die Grote Mandränke in die Geschichte einging, am 15. Januar 1362 begann und am 16. Januar - dem Tag „Marcelli Pontificis“, nach dem sie auch den Namen Marcellusflut erhielt - ihren Höhepunkt erreichte. Chronisten berichten, dass die Flut 21 Deichbrüche verursachte, der Ort Rungholt ging zusammen mit sieben anderen Kirchspielen in der Edomsharde unter. Legenden entstanden um die untergegangenen Orte, Rungholt wurde in den örtlichen Mythen zu einer Mischung aus Atlantis und Babylon, von sagenhaften Ausschweifungen der Bauern und einer Strafe Gottes war die Rede, die Geschichten wurden immer phantastischer, bis man die ganze Legende für eine Erfindung hielt - aber dann spülten die Gezeiten zwischen 1921 und 1938 im Watt Überreste von Warften und Zisternen frei.

          Am 11. Oktober 1634 verwüstete dann die Zweite Grote Mandränke die Küste. Die Insel Strand wurde in Nordstrand und Pellworm zerrissen, Nieland und Nübbel gingen unter, und Sylt, vorher zumindest bei Ebbe noch zu Fuß erreichbar, wurde damals immer mehr zu der fragilen Inselgestalt, die man als Aufkleber an all den Autos sieht, deren Fahrer Zugehörigkeit zum Club der Teilzeitinsulaner bekunden möchten, aber kein Geld für ein NF-Kennzeichen haben, dass den Zweitwohnsitz in Kampen oder Rantum verrät. Noch heute droht die Insel bei schweren Sturmfluten Land zu verlieren, die Sturmflut 1962 trennte Hörnum vorübergehend vom Rest der Insel.

          Schneeverweht: Auch in Hörnum würde man sich nicht wundern, wenn auch noch ein paar Eisbären auftauchen würden.

          Strandhafer, Sand, Heide - alles verschwunden

          Aber jetzt war Sylt nicht wiederzuerkennen. Westerland versank im Schnee, beim Gosch an der Ecke standen ein paar frierende Gestalten und aßen Krabbenbrötchen, ansonsten: Stille. Dunkelheit. Leere. Unten am Strand, auf der Westseite der Insel, schwappte das dunkle, offene Meer als träges Semifreddo an den Strand und erstarrte dort zu bizarren Eisskulpturen. Das kleine Kino in der Strandstraße zeigte „Avatar“, im Schneesturm tauchte ein Plakat mit den frostschutzmittelblauen Gesichtern der Pandoramenschen auf, sie sahen mit ihren breiten Nasen aus, als drückten sie ihre Gesichter gegen die Scheibe der „Kinowelt“, um zu sehen, wie die Welt draußen im Schnee versank. Die nordfriesische Dorfjugend schlenderte fröstelnd am Kino vorbei und starrte auf die Displays ihrer Mobiltelefone, deren Licht die Gesichter blau erglühen ließ (vielleicht hatte James Cameron die alberne Idee mit den blauen Menschen in „Avatar“ auch in so einem Moment gehabt, als er nachts in die blau unterleuchteten Gesichter seiner SMS tippenden Freunde schaute).

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