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Sylt : Die Gedanken sind befreit

Manchen Menschen ist es ein Graus, wenn ihnen der Wind den Kopf durchpustet und all ihre Gedanken fortträgt. Andere kommen genau deswegen nach Sylt. Bild: dpa

Sylt ist trotz Sansibar, Whiskystraße und Friesenkitsch immer eine Insel der Demut gewesen. Das hat sich gründlich geändert. Und doch gibt es noch genügend Platz für alle jene, denen der Wind die beste Wellness ist.

          8 Min.

          Nackt und gebrochen ragen die Speichen aus dem Abfalleimer. Von dem schützenden Nylontuch sind nur noch schwarze Fetzen übrig. Doch der Nordwind ist kein großmütiger Sieger: Längst hat der Schirm kapituliert, und trotzdem zerrt der Wind immer weiter an den Stoffresten, die sich hilflos flatternd seiner Macht beugen müssen.

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir wissen nicht, wer den schwarzen Regenschirm in den Mülleimer an der Hörnumer Hafenmauer gesteckt hat, aber wir ahnen zwei Dinge: Zum einen war der Besitzer mit den Nerven am Ende, als er sich des kaputten Versagers entledigte. Darauf lässt die Mischung aus Kraft und Nachlässigkeit schließen, mit der er den Schirm in den Abfalleimer gestopft hat. Zum anderen muss er ein Neuling auf Sylt gewesen sein. Denn kein Stammgast käme auf die Idee, einen Schirm auf die Insel zu bringen, geschweige denn aufzuspannen, schon gar nicht bei so einem Nordwind.

          Es gibt kein schlechtes Wetter

          Sylt-Touristen sind immer für ihre Demut bekannt gewesen, jedenfalls bisher. Groß geworden mit dem Satz, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung gebe, betritt der Gast unserer Erinnerung die Insel in seiner Allwetterjacke und mit der Gewissheit, dass er sie bis zu seiner Abreise nur noch zum Schlafen ausziehen wird. Bis dahin wird sie zu seiner zweiten Haut geworden sein, geduldet auch in den besseren Restaurants, sofern sie von der richtigen Marke ist. Selbst das Kopfhaar passt der demütige Stammgast den meteorologischen Gegebenheiten an: Streng zurückgebunden und mit viel Spray zu einem Pferdeschwanz fixiert tragen das Haar selbst jene Damen, die es auf der Düsseldorfer Kö oder der Hamburger Waitzstrasse gerne sanft onduliert und hochgefönt haben. Die Zeit zwischen An- und Ausziehen seiner Jacke verbringt der wetterfest frisierte Sylt-Tourist auf dem Fahrrad, mit dem er immer gegen den Wind anstrampelt, in der Nordsee, in der achtzehn Grad Wassertemperatur hochsommerlicher Luxus sind, oder er lässt sich beim Wattwandern die Fußsohlen "massieren". Die demütige Haltung zeigt der Tourist auch gegenüber seinen Gastgebern. Für das Privileg, auf der Insel Urlaub machen zu dürfen, nimmt er in der Hauptsaison winzige Zimmer zu gigantischen Preisen in Kauf. Und dass die Krabbensuppe manchmal eher nach Tüte als nach Nordsee schmeckt, obwohl der Kutter nur ein paar Meter entfernt im Hafen liegt, ist ihm gleichfalls keine Klage wert.

          Nichts für arme Schlucker: Reetgedeckte Ferienhäuser wie hier in Rantum kosten ein Vermögen auf Sylt.
          Nichts für arme Schlucker: Reetgedeckte Ferienhäuser wie hier in Rantum kosten ein Vermögen auf Sylt. : Bild: dpa

          Doch in den vergangenen Jahren ist dieser Stammgast auf der Insel ebenso selten geworden wie die Dreizehenmöwe. Er wurde von einem neuen Touristentypus verdrängt, einem wie unserem Schirmbesitzer. Für ihn ist die Allwetterjacke kein Schicksal. Er bucht sein Hotel je nach Wetterbericht und reserviert das Ferienhaus nicht schon ein Jahr im voraus. Seine Alternativen zu Sylt sind nicht Föhr oder Amrum, sondern Ibiza und Sardinien. Und die veränderten Reisegewohnheiten hinterlassen ihre Spuren auf Sylt. Am deutlichsten sind sie an den Spitzen zu sehen, in List ganz im Norden und vor allem in Hörnum, am südlichen Zipfel der Insel.

          Unter Porschefahrern und Austernschlürfern

          Rolf Speth ist der Bürgermeister von Hörnum, eines Ortes, dessen Existenz von den meisten Sylt-Besuchern bis vor wenigen Jahren ignoriert wurde. Für die Porschefahrer und Austernschlürfer aus Kampen oder Keitum begann hinter der "Sansibar" in den Rantumer Dünen das Sylt der weißen VW Passat ohne Extras und der selbstgeschmierten Graubrotstullen. Die Familien aus Westerland oder Wennigstedt wiederum kamen vor allem an die Südspitze, um dort in ein Ausflugsschiff nach Amrum zu steigen. Hörnum war eine Enklave der Demütigen. "Wir hatten Gäste, die zu uns passten: einfache Leute, die keinen großen Luxus brauchten", sagt Speth und klingt dabei fast ein bisschen wehmütig. Doch seitdem es in Hörnum einen Golfplatz, ein Luxushotel und eine Ferienanlage des Timeshare-Anbieters Hapimag gebe, sehe man hier auch immer mehr "SUVs oder wie diese Dinger heißen".

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