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Südtirol : Brixen und das Glück der Symbiose

  • -Aktualisiert am

Allerhöchster Besuch: Benedikt XVI. auf dem Brixener Domplatz Anfang August diesen Jahres. Bild: dpa

Nach vielen Wirren und langem Leiden hat Südtirol den dritten Weg gefunden: die perfekte Symbiose von germanischer und römischer Lebenskunst. Und nirgendwo gelingt sie so schön wie in Brixen. Das findet übrigens auch der Papst.

          7 Min.

          Es gab eine Zeit, da wäre es mir nicht im Traum eingefallen, nach Südtirol zu fahren. Gerade in Brixen wäre ich niemals aus dem Zug gestiegen, hätte auf der Brenner-Autobahn nur heftig Gas gegeben, um endlich am Ziel meiner Sehnsüchte anzulangen: Florenz, Venedig, Bologna, Siena, Rom, wo ich nicht zu Unrecht die Symbolorte abendländischer Kultur vermutete. Und mit Südtirol, das im Gebirge für mich wie eine Sperre zwischen deutscher und italienischer Lebensart lag, hatte ich so meine Erfahrungen. Bei einem studentischen Sommercamp unweit von Bozen hatte es im Hochgebirge mitten im Sommer kurz geschneit, das Essen war ähnlich wie bei mir daheim in Westfalen, und der Südtiroler Wein war ein saurer Krätzer mit primitivem Schraubverschluss gewesen. Ich sehe die kleinen, geschmacklosen, zu Kopfschmerzen einladenden Fläschchen noch vor mir. Und der Bürgermeister von Völs hatte bei der Begrüßung unserer Studentengruppe im Gebirglerdialekt heftig gegen die "Welschen", also die Italiener, gewettert. Dabei wäre ich damals froh gewesen, ich hätte es so nah nach Italien gehabt wie er.

          Also warum nur nach Südtirol fahren? Heute weiß ich es. Heute hat sich meine Fahrtrichtung geändert; heute, fünfundzwanzig Jahre später, mache ich in Südtirol so oft halt wie möglich. Jedes Halbjahr, das ich nicht in die Gegend gekommen bin, erscheint mir als verlorene Lebenszeit. Und als schönster Ort will mir ausgerechnet die Stadt vorkommen, die bis heute die tirolerischste, habsburgischste unter den Städten der nördlichsten Provinz Italiens geblieben ist: Brixen. Der kleine Kontinent Europa wird jetzt im Spätsommer von vielen Millionen Touristen durchfurcht, jeden Tag fahren viele Tausende auf der Suche nach dem Süden, nach den Stränden Italiens, den Steilküsten Dalmatiens und den Inseln Griechenlands an Brixen vorbei. Als ich mich jetzt in Brixen einquartierte, gab es mehr als hundert Kilometer Stau in Richtung Süden. Zum Glück kam ich von dort.

          Apfelsaft und Espresso

          Was man verpasst, wenn man hier nur durchrauscht? Vielleicht das Schönste, was der Kontinent zu bieten hat: die Symbiose deutscher Zivilisation, italienischer Lebensart und österreichischer Geschichte. Aber das klingt ja alles viel zu abstrakt. Konkreter: Mein idealer Tag in Brixen beginnt mit einem Frühstück in einem der Handvoll Stadthotels, die allesamt angenehmer sind als die Konkurrenz, die von der Salurner Klause bis Tunis im Süden noch so kommt. In Brixen gibt es kein einsames Tütencroissant zum Frühstück, sondern Tiroler Speck, ein genau richtiges Frühstücksei, grünen Tee und den naturtrüben Apfelsaft Tirols - also all das, was die Italiener nicht hinbekommen. Das tut besonders gut, wenn man die Nacht unter einem richtigen Federbett gelegen und geruht hat, auch das ist etwas, was in Italien kaum zu kriegen ist.

          Aber dann kommt der Umschlag ins Mediterrane: Nach dem Frühstück, bei dem anders als in Österreich oder Deutschland das rigide italienische Rauchverbot naturgemäß beachtet wird, setze ich mich mit der rosafarbenen italienischen Sportzeitung in ein Straßencafé und trinke einen Espresso. Ein warmer Wind bläst mir vom Süden jeden Herbstgedanken aus dem Gemüt, während es in München und Innsbruck jetzt regnet oder mindestens kühl Richtung September windet. Und in den Straßen von Brixen stoßen sich permanent die zwei Welten, die römische und die germanische, um die Europas Kultur und Gedeihen seit exakt zweitausend Jahren kreist. Italienische Ragazzi vollführen auf der Gasse ein Spektakel mit irren Frisuren, quiekenden Mobiltelefonen, bunten Mützen und einem Dialekt, den sie ihren Eltern abgehört haben, die einst aus Catania oder Bari als Zöllner und Polizisten nach "Alto Adige" versetzt worden sind. Und dazwischen marschieren seelenruhig Südtiroler Opas mit Schnurrbart wie aus einer "Sisi"-Verfilmung, den obligatorischen blauen Schurz vorgebunden und den Filzhut auch bei Hitze auf dem Kopf.

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