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Sterne-Essen mit Kindern : Die Freuden des Froschschenkels

So nicht: ein Hamburger mit Salatfeigenblättchen, der nicht nur für den Körper, sondern auch für die Geschmacksnerven Gift ist. Bild: picture alliance / dpa

Ist es dekadent oder schnöselig, mit Kindern in ein Sternerestaurant zu gehen? Nein, es ist vernünftig und gut, weil es eine phantastische Geschmacksschule ist. Das zeigt der Selbstversuch.

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          Neulich haben wir ein Exempel des Immaterialismus statuiert und sehr schön ein paar hundert Euro auf den Kopf gehauen: Statt das Geld für sinnvolle Anschaffungen von dauerhaftem Bestand zu reservieren, sind wir mit den Kindern in ein Feinschmeckerlokal gegangen - Oberländer Weinstube in Karlsruhe, ein Traditionshaus in einer uralten Poststation, in dem seit kurzem der jüngste Koch Deutschlands mit einem Michelin-Stern am Herd steht; Sören Anders heißt der Bursche, vierundzwanzig Jahre ist er alt, man wird bestimmt noch viel von ihm hören. Für die Kinder war es eine Premiere, für die Eltern ein Fest und für die ganze Familie ein Triumph. Denn dieser Abend schenkte uns die Gewissheit, dass es nie zu früh ist für die Weihen des Hochgeschmacks und im Alter von zehn, zwölf Jahren sogar höchste Zeit.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Meister Anders wurde gebeten, den beiden Mädchen exakt dasselbe große Degustationsmenü inklusive aller Küchengrüße nur in etwas kleineren Portionen zu servieren. Gesagt, getan, geglückt. Die Kinder schlemmten sich tapfer durch zehn Gänge, wobei der Fairness halber zu sagen ist, dass sie von zu Hause aufwendiges Kochen mit dioxinfreien Zutaten nach Haute-Cuisine-Rezepten gewohnt sind. Sie naschten vom Hummer-Carpaccio, schnalzten bei der Gänsestopfleber mit der Zunge, wollten sich allerdings mit der Jakobsmuschel nicht anfreunden, kosteten dafür Petersilienwurzeln in einem halben Dutzend Variationen, knabberten selig an Strudelstangen voller Meeresfrüchte, verputzten sogar die Froschschenkel, ließen sich auch die Rinderbäckchen schmecken, erklärten das Rehfilet zum besten Fleisch ihres bisherigen Lebens und wunderten sich über die Birne Helene zum Schluss, die sie gar nicht wiedererkannten, weil sie in das Kostüm einer dreistöckigen Tarte geschlüpft war - um sie dann komplett zu verspeisen. Vier Stunden lang berauschten wir uns an den Schäumchen und Süppchen, Sorbets und Gelees, Mousses und Jus von Sören Anders, der sich seinerseits in der Küche an seinen ungeheuerlichen technischen Talenten berauschte und dabei manchmal ein ganz klein wenig taumelte. Es sei ihm gerne verziehen, denn Balance ist allein eine Frage des Alters. Erst bei den Petit Fours machten die Kinder schlapp und schliefen unter den gutmütigen Blicken des Patron auf der Sitzbank ein.

          Freude am Essen ist Freude am Leben

          In der Schule erzählten die Mädchen dann stolz wie Oskar von ihrer Initiation in der Haute Cuisine. Ihre Freundinnen fanden das wider Erwarten gar nicht so uncool, viel besser jedenfalls und auch nicht teurer als einen Ausflug in einen Freizeitpark; nur bei den panierten Froschschenkeln verzogen sie den Mund - dann doch lieber Fischstäbchen. Die Eltern erzählten es nicht minder stolz Hinz und Kunz und wurden von manchen der Dekadenz und Schnöselei geziehen: das viele Geld, die armen Kinder, ein kurzer Spaß und überhaupt. Wir aber lächelten still, weil wir wussten, dass das Unfug ist.

          So schon: ein Teller aus einem Sternerestaurant, bei dem nicht nur das Betrachten eine Freude ist.

          Unser Restaurantbesuch hatte nichts Obszönes, nichts mit Verfall und Verschwendung zu tun, ganz im Gegenteil: Er hat bleibende Werte geschaffen, weil solche Abende das Fundament für die Freude am guten Essen gießen, die die Grundlage für die Freude am Leben ist. Das nächste Mal, das haben die Kinder schon angekündigt, wollen sie unbedingt wieder mit. Versprochen, aber es wird eine Weile dauern, wer glaubt ihr denn, wer wir seien. Nur einen Haken gibt es: In die Schulkantine, die in Wahrheit eine deprimierende Essensaufwärmanstalt ist, gehen sie jetzt nicht mehr. str.

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