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Station : Fast wie im Ärmelkanal

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Der Empfang ist frostig. Regenwolken hängen bis in die Bäume, ein unangenehmer Wind streicht um den Eingang. Niemand ist zu sehen, nur ein Schild steht im Weg: "Betreten auf eigene Gefahr." Aber Palmen in Edelstahlboxen entspannen das Gemüt, wenige Schritte später sieht es sehr harmlos aus.

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          Der Empfang ist frostig. Regenwolken hängen bis in die Bäume, ein unangenehmer Wind streicht um den Eingang. Niemand ist zu sehen, nur ein Schild steht im Weg: "Betreten auf eigene Gefahr." Aber Palmen in Edelstahlboxen entspannen das Gemüt, wenige Schritte später sieht es sehr harmlos aus. Blumenbeete, Büsche, Rasen. Alles akkurat gestutzt, ein kleiner Park.

          Dahinter blicken wir auf einen - na ja, eigentlich auf einen See. Bis zu vierhundert Meter ist das jenseitige Ufer entfernt, 23000 Quadratmeter Wasser breiten sich vor uns aus. Umgrenzt allerdings nicht von einem geschwungenen Ufer, sondern von schnurgeraden Linien: Wir blicken auf Österreichs, wohl sogar Europas größtes Freibad.

          Europas größtes Freibad

          Für diesen Superlativ haben wir weit aufs Land fahren müssen: nach Fürstenfeld, einer Kleinstadt in der östlichsten Steiermark. Bis Ungarn sind es nur noch ein paar Kilometer. Während des Kalten Kriegs war die Gegend Zonenrandgebiet, ein Biotop des Kleinbauerntums, wo Frauen aufs Kürbisfeld zogen und Störche die einzigen Besucher waren.

          Ausgerechnet hier nahmen in den sechziger Jahren die Bürgermeister den Wettkampf mit der Adria auf. Auch sie wollten vom aufkommenden Tourismus profitieren und die Reiseströme ein wenig in ihre Gegend lenken. Weil Wasser als Schlüsselreiz des Urlaubs galt, überzogen sie die Region mit Schwimmbädern und ausgebauten Badeseen, fast immer, weil es ja keine Unterkünfte gab, samt Campingplatz.

          Die Fürstenfelder kleckerten nicht. Sie klotzten in siebenjähriger Bauzeit, von 1960 bis 1967, ihr Mega-Becken in das Tal der Feistritz. Eine Steintafel, groß und stolz wie eine römische Inschrift, kündet noch heute davon, dass die Stadtgemeinde unter dem Bürgermeister Ökonomierat Franz Schragen und dem Diplom-Ingenieur Franz Hessinger und mit Zustimmung der einundvierzig Gemeinderäte - zwei davon waren Rätinnen - das Bad errichtet hat.

          Das Wasser ist packerlwarm

          Wir schauen wieder über das Wasser. Ein Mann krault uns entgegen. "Das Wasser ist packerlwarm", muntert er auf. Ein Pensionist, wie man hier sagt, der bei jedem Wetter kommt und im Dreierzug seine zweieinhalb Kilometer runterspult. Das Ambiente ist danach. Wir merken es, als wir ins Wasser gehen. Eine Länge in diesem Becken - und man kommt sich vor, als meistere man den Ärmelkanal. Ideales Trainingsgelände für den hiesigen Triathlon-Club, verrät der Krauler. Und mit einem natürlichen See offenbar leicht zu verwechseln. Jedenfalls strampelt am Beckenrand ein Frosch.

          Am nächsten Tag kommen wir wieder. Der Sommer auch. An der Kasse sitzt eine junge Frau, kassiert neun Euro für eine vierköpfige Familie. Ein Renditebringer für die Stadtkasse ist das Bad also nicht. Deshalb schicken die Fürstenfelder ihr Personal nur bei schönem Wetter ins Bad. Aufgesperrt bleibt es bis weit in den Herbst hinein - obwohl das Wasser nicht geheizt wird. Aber das Becken ist nicht tief. Und der Boden ist schwarz gestrichen. Das gibt dem Ganzen zwar eine moorige Atmosphäre, nützt aber effektiv die Sonnenheizung.

          Mutprobe Zehn-Meter-Turm

          Der Bademeister erklärt uns das. Andreas heißt er, das steht auf seinem gelben T-Shirt, und mit einem Kescher fischt er Blätter aus dem Wasser. Denn wir sind ja nicht in einem Naturteich. Jeder Tropfen Wasser wird durch Sandfilter umgewälzt, von zwei 34-kw-Motoren, für die eigens eine Trafostation gebaut worden ist. Das kostet, ebenso wie das Chloren. Die Fürstenfelder halten dennoch an ihrem Dinosaurier fest, haben mit bunter Farbe Freundlichkeit ans kantige Becken gebracht. Mehr denn je wird das Rekord-Bad als touristisches Aushängeschild gebraucht. Vor fünfzehn Jahren waren neunzig Prozent der Arbeitsplätze in der Industrie. Jetzt liegt die Quote bei etwa zwanzig, ganze Fabriken sind in den Osten abgewandert.

          Etwa zweihundert Menschen sind im Bad. Kinder klettern auf Kunststoffsterne, die im Becken treiben, die Eltern haben viel Platz auf den Wiesen, die sich die gesamte Mulde hochziehen, in der das Bad liegt. Die größte Gaudi ist gerade am Becken für den Sprungturm. Eine Einheit des Heeres hat die Marschrucksäcke in die Wiese gelegt und die Uniformen dazu. Die Mutprobe vom Zehner ist gefordert, ein Spektakel, das sogar die Pensionisten vom Freiluftschach anlockt. Ein Ausbilder bläst in die Trillerpfeife, unten johlen die, die es hinter sich haben. Die Rekruten oben zögern manchmal. Vielleicht staunen sie auch nur über das Fürstenfelder Wasserpanorama.

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