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Spanien : Durchbohr mein Herz und liebe mich!

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Steingewordene Geschichte Bild: Lothar Schmidt

Ávila ist die Stadt der Heiligen und Mystiker, eine Festung aus Granit mit sprödem Charme und glühendem Geist in der Landschaft Altkastiliens.

          7 Min.

          Kalt, karg und hart, so muss die ideale Heimat der Heiligen wohl sein. Bäume sind in ihr die Ausnahme, wie überhaupt alles Grüne oder sogar Bunte. Stattdessen blüht der Stein. Als runde Riesenbrocken liegen die Steine zu Tausenden auf einer weiten Ebene, die unmerklich und doch stetig steigt, bis sie im Süden in den schneebedeckten Gipfeln der Sierra de Gredos endet. Davor liegt Ávila in elfhundert Meter Höhe, umgeben von einem Mauerring aus Granit. Zwölf Meter hoch, drei Meter breit und zweieinhalb Kilometer lang ist die Stadtmauer, ein neunhundert Jahre altes Bollwerk gegen die Zeit und den Zeitgeist.

          Die Luft ist eisig und trocken. Dennoch tanzen einige Schneeflocken am Himmel. Sie lassen sich viel Zeit, ehe sie am Boden zu nichts werden. Der Wind bläst durch den kleinen Tempel Cuatro Postes. Vier Säulen mit Querträgern bilden ein Quadrat, in dessen Mitte ein Steinkreuz steht. Hier, an der Ausfallstraße nach Salamanca, überblickt man das Stadtpanorama mit der Mauer und den achtundachtzig Wachtürmen. Wie Perlen eines Rosenkranzes reihen sie sich an dem zinnenbekrönten Band aneinander. Davor fließt das Flüsschen Darro, eine römische Brücke und eine neueren Datums führen hinüber. Eine romanische Kirche steht da, die Ermita de San Segundo aus dem elften Jahrhundert. In der Autonomen Region Castilla y León gibt es noch so viele davon, dass man sich nicht die Mühe macht, sie für die Touristen zu öffnen. Die Einsiedelei wird auf der "Ruta Teresiana", der Route der heiligen Teresa, die die Fremdenverkehrsämter von Ávila und Castilla y Leon ausgearbeitet haben, noch nicht einmmal erwähnt. Dabei kam Teresa als Mädchen oft hierher. Sie fand bei einer Marienfigur Trost, in deren Gesichtzügen sie die kurz zuvor verstorbene Mutter wiedererkannte. Heute findet man die Madonna mit dem weißen Spitzenkleid in der Kathedrale von Ávila.

          Festung des Glaubens

          Auch der Tempel Cuatro Postes geht auf eine Episode aus dem Leben der Heiligen zurück. Mit acht Jahren wurde sie an dieser Stelle von einem Freund der Familie aufgegriffen. Mit ihrem jüngeren Bruder Rodrigo wollte sie ins Land der Mauren wandern und den Märtyrertod sterben. Die Szene mit den beiden Kindern, die unbekümmert und unbeeindruckt von allen Halbheiten und Widerständen der Welt in die Fremde jenseits der Stadtmauer ziehen, ist ein beliebtes Motiv in der Stadt. In der Geburtskirche ist es mit lebensgroßen Figuren nachgebildet.

          Gottes Dichterin: Die heilige Teresa als expressive Skulptur in Avila

          Wer in der Provinz Ávila den Spuren der Heiligen folgt, stört sich nicht an den Ungereimtheiten der Realität. Denn immer fügen sich dem Sichtbaren eine oder mehrere Dimensionen hinzu. Etwa bei der mächtigen Stadtmauer, ein Werk, das maurische Zwangsarbeiter errichten mussten. Den Lesern Teresas ist sie mehr als ein militärischer Bau, sie wird, wie eines ihrer Bücher heißt, zur "Seelenburg". Oder beim Blick durch das Stadttor, die Puerta de Santa Teresa, gegenüber ihrem Geburtshaus. Dort, im Südwesten, wo die Sierra de Gredos in erhebendem Weiß liegt, strahlt die Sonne unter der Wolkenschicht hindurch. Sie wirft ihr Licht über ein weites Hochtal, lässt eine Landstraße aufleuchten. Was dort zu sehen und zu vermuten ist, ist mehr als ein profanes Gebirge: Innerhalb der Mauern befindet man sich in einer Festung des Glaubens, einer spirituellen Basisstation, während draußen in der kalten und sich verklärenden Ferne all das sein mag, was aus dieser Welt hinausführt, eine Himmelsleiter, ein Dornbusch, die unbedingte Gegenwart.

          Einsiedler von Avila

          Das Anwesen, in dem die Familie Sánchez de Cepeda y Ahumada gelebt hat, gibt es nicht mehr. Es musste dem Kloster Convento de la Santa Platz machen. An der Stelle, an der das Zimmer war, in dem am 28. März 1515 Teresa als eines von zwölf Geschwistern geboren wurde, befindet sich eine Kapelle.

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