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Schweizer Inntal : Hoch in den Bergen, weit von hier

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Aussicht: die Kirche von Sent vor dem Piz Lischana Bild: INTERFOTO

Leben im XXL-Wollpullover oder: Warum es einer Familie guttun kann, abends in einer Stube zusammenzusitzen. Ein Winterurlaub auf einem Biobauernhof im Unterengadin.

          5 Min.

          Manche Leute benutzen ihre Ferien, um sich zu erholen. Sie wollen zur Ruhe kommen, vielleicht etwas Wesentliches über sich herausfinden, einen neuen Rotwein probieren. Im Winter suchen sie die Ruhe im Schnee, das Wesentliche im Whirlpool und Erdung auf den roten Läufern, die von der Stiefelkammer in die alte Stube führen. So scheußlich können Strohgestecke gar nicht sein, dass sie nicht doch Reflexe von jener Gemütlichkeit auslösen, die uns Jahr für Jahr in die Alpen lockt.

          Wir nicht. Wir fahren, mit unterschiedlich großer Begeisterung, auf einen Bio-Demeter-Bauernhof im Unterengadin, geheizt durch Sonnenkollektoren, mit eigener Quelle, die ganz harte Nummer. Auf der Webpage stand: „Wir leben mit vielen Tieren“. Ich solle mir keinen Streichelzoo erwarten, hatte die Bäuerin am Telefon gewarnt, als ich, um miteinander warm zu werden, gesagt habe, wie gerne auch wir mit Tieren leben würden im Prinzip. Uns erwarten Fleischschafe und Engadinerschafe, Kühe, Schweine, Esel, Hühner, Ziegen, Enten, Katzen und ein Hund. Und natürlich das Bauernpaar, das über vielfältige Fähigkeiten verfügt, die von Futterbau, Buchhaltung, Webdesign, Gleitschirmfliegen, Stallarbeit, Alpung bis zur rätselhaften Qualifikation in „Präparate“ reicht.

          Zauber der rosa Spätnachmittagssonne

          Weit hinter Scuol fahren wir die letzten Kilometer auf einer Privatstraße, die sich mühsam den Berg hinaufschraubt. Immer wieder war von Schneeverhältnissen zu lesen, bei denen Abfahrten von und zum Bauernhof möglich seien. Wenn der Schnee nicht reicht, sparen wir den Skipass, scherze ich und versuche, die Neugier der Kinder für den Unterschied zwischen Schafen und Fleischschafen zu wecken.

          Erst mal stehen wir aber vor einer abschüssigen, gelben Eisrutsche, an deren oberem Ende ein heller Neubau steht. Nicht gerade „Schellen-Ursli“, aber hübsch im Zauber der rosa Spätnachmittagssonne. Die Bäuerin hat wenig Zeit, schickt dann doch den Sohn, so dass wir unsere Koffer auf Schlitten über die gefrorene Kuhpisse, die wir Städter sofort als solche erkennen, hinaufziehen können. Oben angekommen, steht sie vor uns, schultert den schweren Rollkoffer und geht eine steile Treppe hinauf in die Ferienwohnung. „Wiegt auch nicht mehr als ein Futtersack“, sagt sie. Sie zeigt uns die beiden Schlafkammern, sauber, schlicht, mit gutem Leselicht. Ich tippe auf zehn Grad. In der Stube ist es dagegen so warm, dass wir die Pullover ausziehen.

          Einsicht: Bauernhof im Unterengadin
          Einsicht: Bauernhof im Unterengadin : Bild: Mauritius

          Nur, wie lange noch? Der Ofen ist warm, aber es ist keine Glut zu sehen. Der Bauer muss kommen, um zu zeigen, wie man Feuer macht. In einer Kiste stecken Scheite, dünn, dick, schmal, lang und breit, alles mit System. „Toll, das haben Sie selber gemacht?“ Der Bauer, ein großer Mann mit sehr weißen Zähnen, spart sich eine Antwort, mit Recht. In den Schlafkammern und im Badezimmer habe ich vielversprechende Heizkörper entdeckt, an denen ich in alle Richtungen drehe. „Heute hat die Sonne geschienen“, sagt der Bauer. „Aber wärmer wird es nicht.“ Er zieht die Zähne zu einem kleinen Lächeln auseinander, von dem ich nicht weiß, lacht er über uns oder darüber, dass er rechtzeitig auf Solarenergie umgesattelt hat. Gerade ist mir egal, dass wir durch Verfeuerung fossiler Brennstoffe Kohlendioxid freisetzen.

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