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Schweiz : Wellness-Wanderer

  • -Aktualisiert am

Über Stein mit Stock: Nordic Walking Bild: medi Bayreuth

Die Schweizer Berge locken die Lauffaulen mit schönen Begriffen: Swing-Walking und Smart Walking, Barfuß-Wandern, meditatives Wandern oder elektronisch gesteuertes GPS-Wandern - wirklich erfolgreich war davon bislang nichts.

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          Der populäre Präventivmediziner und aktuelle Schweizer Olympiaarzt Beat Villiger stand vor den Damen und Herren aus der Touristikbranche und versicherte ihnen, daß von allen Freizeitsportarten das Wandern aus medizinischer Sicht die ideale Betätigung sei. Beim leichten, beschwingten Gehen, so vernahmen die Teilnehmer der Fachtagung "Swiss Alpine Walking" im Bündner Bergdorf Flims, verbessere man nicht nur seine Kraft und Beweglichkeit. Das Wandern baue auch Stress ab, stille die Sehnsucht nach Natur und führe nachweislich zu einem Anstieg der körpereigenen Glückshormone. Vor allem das alpine Wandern - also das stramme Gehen in mittleren Höhen zwischen zwölfhundert und zweitausendfünfhundert Metern - wirke sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel, die Atmung und die Psyche aus. "Alpine Walking", so Villigers Resümee, "fördert das Wellbeing."

          Dieser Befund ist zwar nicht neu, aber aus dem Munde eines erfolgreichen Sportmediziners war er doch eine beflügelnde Botschaft für die Tourismusvertreter, deren Glücksgefühle beim zähen Ringen um Marktanteile im Schweizer Bergsommer bisher eher gedämpft waren. Denn obwohl die Marktforschung schon seit einiger Zeit klare Anzeichen für eine Wiederentdeckung des Wanderns beobachtet, ist der Ansturm der gesundheitsbewußten "Walker" in den Schweizer Alpen bisher weitgehend ausgeblieben.

          Genußfreudig statt genügsam

          Die Frage, warum das so ist, treibt die Schweizer Reisebranche schon seit längerem um. Eine Antwort soll das Projekt "Swiss Alpine Walking" finden, das von der nationalen Fremdenverkehrsorganisation unterstützt wird. Reisefachleute, Trendforscher und Touristikprofessoren sollen das unbekannte Wesen des modernen Bergwanderers systematisch erforschen, seine Wünsche und Bedürfnisse ergründen und die Erkenntnisse in neue Angebote ummünzen. Und siehe da: Die Marktstudien haben einen Typus zutage gefördert, der mit dem Wandersmann von einst nicht mehr viel gemein hat. Statt im "Frühtau zu Berge" marschiert er lieber erst am späteren Vormittag los; statt sich die schweren Bergstiefel zu schnüren, trägt er leichte Sportschuhe und modische Funktionskleidung; statt seine Tour nach Streckenprofil und Marschkilometern zu gliedern, orientiert er sich an bequemen Rastplätzen und angenehmen Einkehrmöglichkeiten - der einst genügsame Bergwanderer hat sich also zu einem genußfreudigen "Wellness-Walker" entwickelt.

          Diese Erkenntnis ist keine schlechte Nachricht. Sie zwingt die Schweizer Reisebranche endlich dazu, sich Gedanken zu machen, wie sie den wanderwilligen Berggästen wirklich von Nutzen sein könnte. Viel zu lange hat man versucht, Wanderer mit immer neuen Nischenprodukten zu locken - und sie dabei mehr verwirrt als verführt. Was es nicht alles gibt: Swing-Walking und Smart Walking, Barfuß-Wandern und meditatives Wandern, historisches Wandern auf Saumpfaden und elektronisch gesteuertes GPS-Wandern; wirklich erfolgreich war davon nichts. Zwar fehlt es nicht an Ideen und Pioniergeist. Doch es mangelt an Organisation und einer ordnenden Hand, um die Produkte zu bündeln und gemeinsam zu vermarkten. Die Folgen sind bekannt und wurden in Flims auch entsprechend beklagt.

          Wo sind denn die Wanderwege?

          Was der wanderwillige Berggast im einzelnen wirklich wünscht und sucht, ist kein Geheimnis mehr. Eine Studie des Zürcher Dichter-Instituts ermittelte für die Schweiz vier unterschiedliche Grundtypen von Wanderern: den trendbewußten Gesundheitswanderer, den genußfreudigen Regenerationswanderer, den leistungsorientierten Bergwanderer sowie den geselligen Naturwanderer. Letztere, so Marktforscher Hans Peter Doebeli, bildeten zur Zeit mit fünfundsechzig Prozent noch immer die größte Gruppe der Bergwanderer. In den nächsten Jahren rechne man aber mit einer starken Verschiebung in Richtung Regenerations- und Gesundheitswanderer. Bei den Wanderwünschen zeige sich ein klarer Trend hin zum begleiteten, animierten, thematisierten, leistungsorientierten Wandern. Mit zehn Prozent repräsentiere die Schar der Gesundheitswanderer zwar noch das kleinste, aber langfristig wohl das lukrativste Marktsegment.

          Anders stellt sich der Markt in Deutschland dar. In einer Folgeuntersuchung der Zürcher Marktforscher, bei der potentielle Schweizurlauber in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen nach ihren Wanderwünschen befragt wurden, ist das Bedürfnis nach Wellness- und Komfortwandern bedeutend stärker ausgeprägt als in der Schweiz. Weniger gewünscht wird dagegen das sport- und leistungsorientierte Wandern. Wichtiger als das Abenteuer am Berg ist den Befragten der Spaßfaktor: Geselligkeit, Erholung, Unterhaltung. Gerade auf diesem Gebiet, so war zu hören, leide die alpine Schweiz jedoch unter einem "schiefen" Image. Steile Wanderwege, schweißtreibende Bergtouren und frugale Alphütten entsprächen aus deutscher Sicht so gar nicht den Vorstellungen eines fröhlichen, genußreichen Wanderurlaubs. Auch in bezug auf die Kosten scheint der deutsche Wanderer ein notorisches Mißtrauen gegenüber der Schweiz zu hegen.

          Die Erwartungen der deutschen Touristen, die im Sommer etwa ein Drittel der Gäste in den Schweizer Alpen stellen, sind eine unmißverständliche Botschaft für die Zukunft: Sie wünschen sich eine klare Übersicht über alle Wandermöglichkeiten in der gesamten Schweiz, mehr Informationen zu kultur- und wellnessorientierten Angeboten sowie einen fairen Preis. Sollte sich hier nichts ändern, wird ihnen womöglich die gute Bergluft zu dünn. Die sanfte Revolution im Schweizer Bergsommer fände dann ohne deutsche Beteiligung statt.

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