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Schweiz : Voll im Flow am Runcatrail

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Doch, wir wollen mehr: Vor allem Berge. Darum liften wir am nächsten Tag noch mal hinauf zur Bergstation Cassons auf 2675 Meter Höhe. Rechterhand zieht der historische Klettersteig Pinut zum Flimserstein hoch. Oben wartet Wanderführer Curdin. Über den traumschönen Oberen und Unteren Segnesboden laufen wir gemütlich bergab Richtung Segneshütte. „Erst vor drei Wochen gab’s wieder einen kleinen Felssturz mit großer Staubwolke“, erzählt Curdin, Mitte sechzig und topfit. Doch heut bleibt alles ruhig. Und, was soll man sagen: Direkt am Wegesrand blühen zarter Enzian, strammes Edelweiß, darüber Ausblicke auf den Tödi-Bergstock. Die markanten Spitzen der Tschingelhörner stehen da wie eine Eins. Dann ist da auch noch die Tektonikarena Sardona, Weltnaturerbe, noch so ein geologischer Super-GAU: Hier schoben sich ältere Gesteinsplatten frech über die jüngeren, die Trennlinie ist weithin zu sehen. Ein Bildhauer hätte es nicht besser hinbekommen. Vor allem das kreisrunde Martinsloch unter einer der Tschingelspitzen begeistert die Wanderer.

Der Weg ins Tal hat aber weit mehr zu bieten. Zuerst schaffen hausgemachte Capuns – Mangoldwickel mit Spätzleteig und Salziz-Wurst – auf der nahen Segneshütte die Grundlage für den Rest der 1700 Höhenmeter, die es bergab geht. „Grazia fitg“, bedankt sich Curdin bei der Hüttenwirtin auf Rumantsch. Auf den nun kommenden Abschnitt freuen sich die Architekturfans: Für den Flimser Wasserweg „Trutg dil Flem“ gestaltete der Ingenieur Jürg Conzett sieben nagelneue, individuelle Brücken, die sich über Schlucht und Bachlauf spannen; jede für sich eine Preziose und landschaftlich gekonnt eingebettet. Geschaffen aus Holz, Beton oder Gneis, als Rampe oder gespannter Bogen, zeigt jede der filigranen Brücken ein Stück erfindungsreicher Baukunst, ohne mit der umgebenden Natur zu konkurrieren. So wandeln wir vorbei an lohnenden Ausblicken auf Wasserfälle, Wald und gischtsprühende Wasserrutschen.

Radikal Abkehr vom Landhauskitsch

Mit müden Füßen im Dorfkern von Flims angekommen, sammelt der Architekturfan letzte Kräfte, denn hier gibt’s Erstklassiges en masse zu sehen. Seite an Seite mit jahrhundertealten Holzhäusern überraschen radikal moderne Bauten aus Sichtbeton, deren Linien die Proportionen der altehrwürdigen Vorgänger respektvoll aufgreifen. An der Hauptstraße thront das berühmteste Gemäuer des Ortes: das Gelbe Haus. Heute kommt es strahlend weiß daher und erregte bereits international Aufsehen. Renoviert von Architekt Valerio Olgiati, Pionier und einer der besten Köpfe des Landes, dient das ehemalige Bauernhaus heute als Haus der Kunst. Nur einen Steinwurf entfernt residiert Olgiati im eigenen Studio, ein gänzlich schwarzes Gebäude.

Dass Graubündens Architektur immer wieder Maßstäbe setzt, dafür sorgen Pritzker-Preisträger Peter Zumthor mit der Felsentherme Vals, Gion A. Caminada aus dem nahen Vrin, Rudolf Olgiati und nicht zuletzt dessen Sohn Valerio. Die Dichte hochkarätiger Bauten macht die Region zu einer Art gestalterischer Enklave, die mit Bravour auf die Bausünden des Jodelstils oder des Siebziger-Jahre-Barocks verzichtet. Ob Museum, Wohnhaus oder umgebauter Stall, alle Bauten verbindet eine enorme Wertigkeit.

Ebenfalls kompromisslos legten Domenig Architekten aus Chur den massiven Hotelkomplex des RocksResort in Laax an. Gebrochene Steinplatten strukturieren die Außenfassade der schnörkellosen Würfel, sie wirken wie dahin gepurzelt beim Mensch-ärgere-Dich-nicht. Doch die Zufälligkeit hat Methode und soll an die Findlinge des Flimser Bergsturzes erinnern. Auch innen sind die Appartements des RocksResorts konsequent durchdeklinier Regionale Materialien wie unbehandeltes Eichenholz oder Stein stehen zusammen mit Beton und Sumpfkalk für eine radikale Abkehr vom gern zelebrierten Landhauskitsch manch alpiner Destination.

Solch klare Statements sind selten. Darauf wollen wir anstoßen, am besten mit einem der tausend Tropfen aus der gutsortierten Weinbar des Resorts – darunter namhafte Vertreter aus dem Wallis oder aus der nahen Bündner Herrschaft. „Viva“, sagt der Graubündner in einem solchen Fall und meint: Prost!

Fliegen in Flims

Unterkunft: Das schnörkellose, familienfreundliche RocksResort steht in Laax, im Internet unter www.rocksresort.com. Gleich daneben befindet sich das etwas kuscheligere Signiahotel, Internet: www.signinahotel.com. Das Waldhaus Flims ist ein klassisches, elegantes Grand Hotel, Internet: www.waldhaus-flims.ch.

Allgemeine Informationen über den Sommerort Flims und den Winterort Laax unter www.alpenarena.ch.

Diese Reise wurde unterstützt von der Region Flims Laax Falera.

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