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Schweiz : Natürlich, ein Eßzimmer!

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Morcheln sind schamlose Schattenreichgewächse: Eine kulinarische Reise auf Thomas Manns Zauberberg ins winterliche Davos.

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          Wer nach Davos will, muß in Landquart umsteigen. Von nun an fährt man nicht mehr eben in die Berge hinein, es geht hinauf. Man hört keine schwer schnaufende Lokomotive wie früher, der Zug bewegt sich fast lautlos, wie auf Luftkissen nach oben. Die Fahrt führt durch klamme Schluchten, man gewinnt jäh an Höhe, bis sich ein breites, freundliches Hochtal nach Südwesten hin öffnet. Nichts ist zu sehen von ungeheuren Steilwänden, vielmehr steigen die Flanken sanft an. Die oberen Kammlinien, die bis zu dreitausend Meter an Höhe erreichen, sind harmonisch gezogen. Man fühlt sich angekommen. Hintereinander erscheinen im Talgrund der Davoser See, Davos Dorf und Davos Platz. Die Stadt in den Bergen besteht hauptsächlich aus Hotels, Pensionen und Ferienhäusern. Die meisten Gebäude haben ein flaches Dach, damit kein Schnee herunterfällt.

          Das "Waldhotel Bellevue" setzt sich durch seine Lage vom etwas steifen architektonischen Einerlei ab. Es befindet sich über der Stadt an der nordwestlichen Berglehne. Obwohl ebenfalls mit flachem Dach, ist der langgestreckte Bau konvex geschwungen. Früher, als das Hotel noch ein Sanatorium war, zog es Katia Mann an. Auch ihr Gatte kam zu Besuch, übernachtete in einer Pension nebenan und ließ sich berichten, wie es im Sanatorium zugehe. Er belustigte sich und erfand den "Zauberberg".

          Altmodisch bequem

          Wenngleich von der alten Einrichtung, frühem Art deco, heute kaum noch etwas vorhanden ist, stehen die wichtigsten Utensilien, die Hans Castorp, der Romanheld, für sein Seelenkünstlertum benötigte, dem Gast immer noch zur Verfügung: die Balkonlogen, die wie Honigwaben das Haus ummanteln, und die Liegestühle in den Logen. Wie damals sind diese Liegestühle ein wenig altmodisch in der Form und ungewöhnlich bequem. Sie sind mit Decken versehen und stehen sommers wie winters bereit. Mit etwas Glück kann man beobachten, wie der Schnee ins Tal einfällt und alles in eine zarte Geisterwelt verwandelt. Im Roman entwickelt sich das Haus zum Lustort, wo neben Patienten, die ernsthaft an der Lunge leiden, wohlhabende Rentiers die Zeit vertändeln. Der junge Hans Castorp quartiert sich unter dem Vorwand leichter Angegriffenheit sieben Jahre ein. Er läßt sich vom Arzt für krank erklären, um rechtschaffen seinen liebsten Gemütsbewegungen nachzuhängen. Er nutzt die alchemistisch-hermetische Situation, die das intim geschlossene Hochtal und das Sanatorium bieten. Er schließt einen Pakt mit dem Schattenreich, liebäugelt mit Transzendenz und Tod, was von allen Lasten und Pflichten befreit, unterwirft sich der Tagesordnung der Kranken und hält die Regeln der Liegekur ein. Während die anderen auf dem Balkon sind, um durch die reine, trockene Luft die Lunge zu heilen, ist er am liebsten dort, um die Phantasie schweifen zu lassen, unterstützt von Rauschmitteln wie der Zigarre namens Maria Mancini, die heute wieder im Haus erhältlich ist. Man sollte ihr lange die Asche lassen, empfiehlt der Romanheld, nur höchstens zweimal abstreifen.Wie ehedem kann der Gast das "Waldhotel Bellevue" zum Ort des Vergnügens machen.

          Nach der Generalsanierung von 2001 ist die Einrichtung gediegen modern, die Farben wirken frisch und gut abgestimmt. Man findet eine großzügige Lounge und den geräumigen Speisesaal. Wenngleich dem Saal mittlerweile der gewisse phantastische Einschlag fehlt, lassen sich nach wie vor Fäden von Tisch zu Tisch spinnen, die man bei der Liege- und Zigarrenkur wie süßen Nebel nachkosten kann. Selbst wenn viele Gäste mittlerweile Skisportler und Bergwanderer sind, hält einen nichts davon ab, absolut müßig zu sein, Fleischspeisen und Süßigkeiten zu sich zu nehmen, leicht zu fiebern, zu schmökern, zu schäkern und zu äugen. Wer wie der Romanheld gern warm badet und gut ißt und trinkt, kommt auf seine Kosten. Der Wellness-Pavillon wirkt so intim geschlossen wie das Hochtal. Es gibt eine Sauna, ein türkisches Dampfbad, eine Sole-Grotte und das Sole-Hallenbad, das durch eine breite Fensterfront den Blick auf die Alpenkulisse freigibt. Das leicht salzige, warme Wasser macht den Körper federleicht. Man fühlt sich gut vorbereitet für die Massage, die endgültig entspannt.

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