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Schweiz : In Montreux spielt die Musik

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Alle Jahre wieder im Juli spüren die Schweizer, daß für sie der Süden nicht so weit weg ist und das Mittelmeer gleich hinter den Bergen liegt. Dann erkennt man die spröden Eidgenossen fast nicht mehr wieder:

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          Alle Jahre wieder im Juli spüren die Schweizer, daß für sie der Süden nicht so weit weg ist und das Mittelmeer gleich hinter den Bergen liegt. Dann erkennt man die spröden Eidgenossen fast nicht mehr wieder: Sie werden leichtlebig, mißachten die vorgeschriebene Nachtruhe, lärmen und tanzen bis zum frühen Morgen. In Montreux am Genfer See geht die Entschweizerung noch weiter: Man schafft für zwei Wochen sogar den Franken ab und gibt statt dessen "Jazz-Taler" aus, um das Bestellen von Wein, Bier oder Raclette zu beschleunigen. Diese Währung hat zwar einen Wechselkurs zum Franken von eins zu eins, man gewinnt also nichts beim Umtausch. Doch weil die Münzen aus Blech sind, kann man in Montreux zumindest in der Illusion leben, die Schweiz endlich einmal etwas billiger zu bekommen.

          Das eigene Geld zeigt am besten, wie souverän das Montreux Jazz Festival inzwischen ist. Kein anderes Musikfest kann es sich leisten, die Wirte zum Akzeptieren einer speziellen Währung zu zwingen. Die Münzen sehen mit dem Schweizer Kreuz in der Mitte und der witzigen Prägung zwar aus wie ein Gag für Jazz-Freaks, tatsächlich aber sind sie vor allem eine clevere Geschäftsidee der Festivalorganisatoren: Sie können den Umsatz der Wirte genauer ermitteln und den Konzessionären schon beim Umtausch der Münzen in Franken die Umsatzabgabe abzwacken.

          Die Sponsoren stehen Schlange

          Das Festival in Montreux, das in diesem Jahr zum neununddreißigsten Mal stattfindet, ist das älteste und berühmteste Musikfest außerhalb des Opern- und Klassik-Genres. Und obwohl heute populäre Musik immer kurzlebiger wird, obwohl Hits und Legenden noch schneller veralten, obwohl die Konkurrenz unter den Festivals immer größer geworden ist, strömen die Künstler nach wie vor in Scharen an den Genfer See. Offenbar ist für sie Montreux nicht nur eine Bühne, sondern auch ein musikalisches Museum, in dem man sein Gedächtnis auffrischen kann. Tausend Musiker kommen dieses Jahr, viele von ihnen spielen für weniger Gage als anderswo, weil ein Auftritt in Montreux immer noch gut ist für die Reputation - und weil Festivalgründer Claude Nobs inzwischen mit vielen Musikern per du ist. Auch die Sponsoren stehen offenbar Schlange. Das Auditorium Stravinski jedenfalls, in dem die meisten Konzerte stattfinden, gleicht teilweise einer Produktausstellung. Überall stolpert man über Plakate mit Firmen-Logos. Selbst die Kontrolleure an der Saaltür tragen den Namen einer Schweizer Bank auf dem Rücken.

          Wer außerhalb der Festivalzeit durch Montreux fährt, fühlt sich manchmal wie in Monaco. Die einstige Perle der Schweizer Riviera, in der viele berühmte Künstler wie Vladimir Nabokov oder Charlie Chaplin lebten, glänzt nicht mehr überall, schon gar nicht an der Hauptstraße, die von Vevey nach Villeneuve führt. Ähnlich wie in Monaco findet man zwischen Palmen und Belle-Epoque-Hotels viel Beton-Tristesse und häßliche Hochhäuser, die brutal zwischen alte Villen gequetscht wurden.

          Volksfest mit Räucherstäbchen

          Sobald jedoch im Juli die Musiker kommen, verändert sich die Stadt. Juweliere stellen Trompeten ins Schaufenster, Hotels engagieren Saxophonisten, die zum Essen aufspielen. Im Laufe des Abends kann man dann von den Hotelterassen aus beobachten, wie das mondäne Montreux lebendiger, wie der Menschenstrom auf der kilometerlangen Promenade immer dichter wird. Es sind keineswegs nur Musikfans, die da promenieren, sondern es ist eine bunte und sommerlich gekleidete Schar. Man sieht Jung und Alt, man hört französischsprachige Romands und deutschschweizer Dialekte. Und dazwischen gibt es auch einige Deutsche, die sonst nur selten den Sprung über die Grenzen der Deutschschweiz wagen.

          Das Festival in Montreux ist zugleich ein Volksfest mit freiem Eintritt. Dutzende von Buden stehen entlang des Seeufers, und ihr Angebot ist so multikulturell wie das Musikprogramm. Man findet eine Mischung aus Ethnoschmuck, Räucherstäbchen, Piercing-Ständen und einbeinigen Fußball-Jongleuren. Man ißt indisch, vietnamesisch oder chinesisch und gelegentlich auch schweizerisch. Das Fondue servieren indes asiatische Kellner. Man kann den Bands lauschen, die noch nicht so berühmt sind und an der Promenade gratis spielen, oder sich mit seinem Bier auf einen Stein am See hocken und in die späte Abendsonne blinzeln, die über dem fernen Jura untergeht.

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