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Schweiz : Die Herrlichkeit der Welt

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Eldorado für Spaziergänger und Wanderer Bild: Volker Mehnert

Jeder schwärmte vom Vierwaldstättersee, Goethe, Schiller, Henry James, Königin Victoria. Die meisten kamen im Sommer - ein Fehler, denn im Winter ist er noch schöner.

          Wilhelm Tell war kein Skifahrer. Mutig und doch eher widerwillig durchstreifte der Schweizer Nationalheld im Winter die heimatlichen Alpen: "Er schreitet verwegen auf Feldern von Eis, / Da pranget kein Frühling, da grünet kein Reis; / Und unter den Füßen ein neblichtes Meer, / Erkennt er die Städte der Menschen nicht mehr", heißt es in Schillers Drama. Von alpinen Schussfahrten zwischen Altdorf und dem Urner See, von einer Langlauftour über die Rütliwiese oder einer Rodelpartie durch die Hohle Gasse bei Küssnacht ist auch in den vielen Legenden, die sich um den Freiheitskämpfer ranken, nichts überliefert. Bis heute macht die Heimat des Tell am Vierwaldstättersee keinen großen Wirbel um den Wintersport. Das ist verwunderlich, denn es gibt hier eine Reihe von famosen Skipisten, Winterwanderwegen und Rodelbahnen, die landschaftlich zu den schönsten der Schweiz gehören. Auch Luzern wird sich nur zögerlich bewusst, dass es auch eine Wintersportstadt sein könnte, und das, obwohl nicht weniger als vierzehn Skigebiete von dort aus in gerade einmal einer Stunde Fahrt zu erreichen sind.

          Einer Stadt wie Luzern kann der Winter nichts anhaben, im Gegenteil: Sie scheint geradezu dafür geschaffen. Denn die kompakte Altstadt besteht aus einem heimeligen Labyrinth aus Gassen und Plätzen, die mit ihren Arkaden, bemalten Häuserfassaden, kuriosen Brunnenfiguren, versteckten Treppenpassagen und überraschenden Durchblicken auf das Flüsschen Reuss eine warme Wohnzimmeratmosphäre verbreiten. Die Kapellbrücke und die Spreuerbrücke, zwei überdachte Holzbrücken über den Fluss, waren zwar ursprünglich Teil der Stadtbefestigung, sind jetzt aber praktische Übergänge für Fußgänger zwischen Altstadt und Neustadt. Sie verkürzen die sowieso schon kurzen Wege beträchtlich, die man ungeschützt im Freien zurücklegen muss. Besonders schön und behütet ist es unter den Arkaden am Rathausquai, wo sich die dichte mittelalterliche Bebauung langsam zum Fluss hin öffnet. Jeden Dienstag und Samstagvormittag, auch bei eisiger Kälte, findet dort ein Wochenmarkt statt, auf dem die Luzerner eine exquisite Auswahl lokaler und regionaler Delikatessen finden.

          Schwebend aus der Ferne

          Am gegenüberliegenden Ufer haben zwei europäische Stararchitekten das mittelalterliche Luzern mit ihren avantgardistischen Bauwerken konfrontiert. Nachdem die alte Bahnhofshalle durch einen Brand zerstört worden war, stülpte der Spanier Santiago Calatrava eine streng gegliederte Hülle aus Glas und Beton über die Gleise, die für den Ankommenden den Blick auf See und Stadt einladend öffnet. Das Portal des alten Bahnhofs, das den Brand überlebt hatte, plazierte Calatrava in fünfzig Meter Abstand vor die neue Fassade, so dass Luzerns historische Eisenbahnarchitektur gewissermaßen als ihr eigenes Denkmal fungiert.

          Das weiße Meer

          Unmittelbar nebenan hat der Franzose Jean Nouvel das Kultur- und Kongresszentrum errichtet, das Konzertsaal, Theater und Kunstmuseum beherbergt. Durch seine durchbrochene und teilweise aufgelassene Glas- und Stahlfront sowie durch das weit vorkragende Flachdach erscheint das kolossale Bauwerk leicht und aus der Ferne beinahe schwebend. Von innen bilden sich durch die asymmetrischen Fensteröffnungen Stadt und See wie auf überdimensionalen Postkarten ab und erlauben im Winter aus dem Warmen heraus eine optische Annäherung an die kalte Außenwelt.

          Tanzen auf dem Vergnügungsdampfer

          Die Begegnung mit der Kälte scheuen die Luzerner aber nicht, was sich besonders deutlich während der verrückten Fasnachtstage zeigt. Um fünf Uhr früh am "Schmutzigen Donnerstag" beginnt das übergeschnappte Treiben in den Straßen mit dem sogenannten Urknall: Prall gefüllte Tüten explodieren und streuen kiloweise Papierschnipsel über der wartenden Menge aus, die sich mit gruseligen Masken und schaurigen Kostümen verkleidet hat. Danach beginnt der tagelange Hexentanz der "Guggenmusigen", die mit Kuhhörnern, Trommeln, Pauken, Schellen und Trompeten von Gasse zu Gasse und von Lokal zu Lokal ziehen. Sie tanzen und torkeln und dröhnen und schmettern, dass Fenster und Wände erzittern. Hier wird Musik gemacht, dort Schnaps getrunken, dann wieder ein Ständchen gegeben. Und so geht es ohne Unterlass weiter, bis am Dienstagabend das "Monschterkonzärt" beginnt, das übersteigerte Finale, bei dem alle in einem dröhnenden Korso noch einmal die Altstadt verstopfen, bevor sich der Winter am Aschermittwoch hoffentlich überwältigt zeigt.

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