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Schweiz : Die Herrgottsgrenadiere des Lötschentals

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Der Kontrast zwischen Tourismus und traditioneller Lebensweise wird in kaum einer Gegend der Schweiz so deutlich wie im Lötschental am südlichen Ausgang des Lötschbergtunnels, der den Kanton Bern mit dem Wallis verbindet.

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          Mittlerweile ist es nur noch schwer vorstellbar, daß Paare auch ohne die virtuellen Hilfsmittel des Internets zueinanderfinden können. Wie sich die Zweisamkeit dereinst ohne Chat-Rooms und Online-Partnerbörsen bewerkstelligen ließ, wird bald ein Fall für Anthropologen und Brauchtumsforscher sein - und im Lötschental im Nordosten des Wallis finden sie ein geeignetes Feldforschungsobjekt. Denn dort kennt man bis heute eine zwar wenig subtile, dafür aber recht effiziente Methode der Partnersuche: Ledige Männer kostümieren sich mit befremdlichen Gewändern, setzen furchteinflößende Masken auf und machen sich auf die Jagd nach jungen Frauen. Weil es früher wichtig war, unerkannt zu bleiben, um der Schmach einer öffentlichen Abfuhr aus dem Weg zu gehen, trug man die Kleidung verkehrt herum und wickelte auch die Schuhe in grobe Tücher ein. Denn damals besaß man allenfalls zwei Paar Schuhe, eines für werktags und eines für feiertags. Das Ganze heißt Tschäggätta und ist heute so etwas wie das Wahrzeichen des Lötschentals. Der Brauch wird auf heidnische Traditionen zurückgeführt, mit denen man den Winter und die bösen Geister austreiben wollte. Andere Theorien beziehen sich auf eine Räuberbande aus dem elften Jahrhundert als Vorbild oder auf Söldner, die 1550 bei einem Volksaufstand mitkämpften.

          Die Tschäggätta im Lötschental dient inzwischen allerdings eher touristischen als ehestiftenden Zwecken. Wenn die verkleideten Männer lärmend durch die Dörfer ziehen und sich mit dem Geläut der Kuhglocken ankündigen, dann ähnelt das stark einem Faschingsumzug, der von Musikkapellen und Glühweinverkäufern begleitet wird. Vor dem Krawall fürchten sich bestenfalls noch Kleinkinder, und wie unernst die Paarungsversuche sind, zeigt schon die Tatsache, daß sich auch Familienväter und Grundschüler unter die Maskierten mischen und mit wilden Gebärden durch die engen Dorfstraßen stampfen, während Hundertschaften von Zuschauern Spalier stehen.

          Der Tourismus fordert seinen Tribut

          Die Menschen im Lötschental leben vom Tourismus. Das fordert auch in kultureller Hinsicht seinen Tribut, wie das Beispiel der alten Masken zeigt. Sie sind für viele alteingesessene Lötschentaler Symbol ihrer Lebensweise und Aushängeschild ihrer Tradition, etwa für Ernst Rieder, der eine bedeutende Sammlung der phantasievollen Kunstwerke besitzt und seit sechzig Jahren die Masken von Hand in seiner kleinen Werkstatt anfertigt. Die Gäste nehmen sie sich gerne als Souvenirs mit, die kleinen für zwanzig Franken, die großen im Originalformat mit zotteligem Kuh- und Ziegenfell, glotzenden Augen, krummen Nasen und aufgerissenen Mäulern, in denen nicht selten echte Zähne von Kühen oder Ziegen blinken, für gut und gerne zweitausend Franken. Fratzen von eindringlicher Einfachheit waren es früher. Heute verkaufen sich die Masken am besten, die Fantasyfiguren moderner Science-fiction-Filme und Gruselvideos ähneln. Das verdrießt Ernst Rieder.

          Während sich die Tschäggätta mit dem Kommerz arrangiert hat, sind andere Bräuche noch puristisch geblieben, zum Beispiel der Aufmarsch der sogenannten Herrgottsgrenadiere, die im Sommer mit ihren roten Uniformen in den Dörfern paradieren und an Zeiten erinnern, in denen Lötschentaler als Söldner in fremden Armeen in Italien und Frankreich dienten. Solche Reminiszenzen an die Geschichte sind ganz private Angelegenheiten der Lötschentaler, die keinem Folklorebedürfnis eines von weit her angereisten Publikums geschuldet sind.

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