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Schweiz : Der Winzer schaut aufs Matterhorn

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Rebenpflege mit Aussicht: ein Winzer im Lavaux. Bild: picture-alliance/ dpa

Die Weinterrassen des Lavaux hoch über dem Genfer See gehören aus gutem Grund zum Welterbe der Unesco. Sie sind eine Paradebeispiel dafür, wie virtuos der Mensch aus rauher Natur eine Kulturlandschaft formen kann. Hier möchte man Winzer sein. Hier würde man sich sogar freiwillig den Anstrengungen der Weinlese unterwerfen.

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          Hier möchte man Winzer sein. Hier würde man sich sogar freiwillig den Anstrengungen der Weinlese unterwerfen, auf den ersten Blick jedenfalls, denn dieser Blick ist unvergleichlich: Stufe um Stufe staffeln sich die atemraubend steilen Terrassen der Weingärten bis hinunter zur spiegelnden Fläche des Sees, auf dem die Segelboote und Ausflugsdampfer kreuzen. Am Ufer erkennt man die Häuser von Vevey und die Palmen von Montreux, und drüben, auf der französischen Seite, schlummert der Kurort Evian-les-Bains im Dunst. Im Westen ahnt man die Umrisse von Genf, und im Osten öffnet sich das weite Tal des Wallis, überragt von Gletschern und den eigenartigen Zacken der Gipfel von Dent de Morcles und Dent du Midi. An klaren Tagen sieht man sogar das Matterhorn. Vielleicht, so denkt man sich beim zweiten Blick mit müden Beinen, sollte man doch lieber als Matrose auf einem der alten Raddampfer anheuern, die seit mehr als hundert Jahren über den Genfer See stampfen. Dann erlebte man das betörende Panorama zwar nur aus der Froschperspektive, ersparte sich aber die mühevollen Kletterpartien in den Steilhängen.

          Seit Juni dieses Jahres gehören die Weinberge von Lavaux zum Weltkulturerbe der Unesco. Sie sind Kulturlandschaft und Bauwerk zugleich, ein regelloses Geflecht aus Rebgärten, Stützmauern, Treppen, Straßen und Dörfern, die in tausend Jahren nach und nach in die Hänge oberhalb des Genfer Sees eingebettet wurden. In seiner Gesamtheit ist das Lavaux eines der weiträumigsten Bauwerke in Europa, das, geboren aus den Notwendigkeiten des Alltags, Schritt für Schritt und ungeplant Gestalt annahm. In seiner fertigen Form jedoch mutet es an wie ein meisterhaft modelliertes Gesamtkunstwerk von Architekten, Ingenieuren und Landschaftsgärtnern - ein betörendes Resultat des menschlichen Wirkens in einer ursprünglich unwegsamen Topographie.

          Weinbau als Alpinsport

          Regelmäßiges und Gleichförmiges gibt es hier nicht. Es dominieren die Schrägen und das Schiefe, das Bruchstückhafte und das Zusammengewürfelte. Mauern laufen kreuz und quer über den Hang, wachsen scheinbar aus dem Nichts, ziehen sich über mehrere hundert Meter am Berg entlang oder enden schon nach wenigen Metern unvermittelt an einem Felsvorsprung. In den extremen Steilstücken bei Dézaley braucht man manchmal bis zu zehn Meter hohe Mauern, um den Boden für einen zwei Meter breiten Weingarten zu stabilisieren. Aber nicht nur die Steillagen tragen zum Landschaftsbild bei. Runde Kuppen und zackige Felsvorsprünge wechseln sich mit kleinen Buckeln und tiefen Einschnitten ab. Dörfer ducken sich in Kuhlen oder angedeuteten Tälern, die Häuser dicht aneinander gebaut, um so viel Platz wie möglich für den Weinbau zu reservieren. Manchmal klammert sich auch ein einzelnes Gebäude mitten im Weinberg am Hang fest.

          Bis vor wenigen Jahren hat sich niemand im Lavaux mit dem Gedanken einer Bewerbung als Weltkulturerbe befasst. Anders als in Deutschland, wo eine lange Reihe von Anwärtern auf die Anerkennung der Unesco spekuliert, wurde in der Schweiz offiziell erst im Jahr 2003 eine kurze Bewerberliste erstellt, und das Lavaux setzte sich gleich an die Spitze - vor den Schienensträngen und Brücken der Rhätischen Bahn, vor der Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds und den prähistorischen Pfahlbauten am Neuenburger See, die demnächst als Schweizer Kandidaten bei der Unesco vorstellig werden. Dem Antrag von Lavaux vom Dezember 2005 folgte nur achtzehn Monate später die Aufnahme in den Kreis des Weltkulturerbes.

          Kulturlandschaft im Idealzustand

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