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Schneegolf : Handicap unter null

  • -Aktualisiert am

Beim Schneegolf sollte man den Ball besser nicht aus den Augen verlieren Bild: Schweiz Tourismus

Die Bälle sind hier rosarot und das schönste Grün ist weiß: Schneegolf entwickelt sich zum Trendsport - auch in den Alpen.

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          Wir hatten uns winterlich eingekleidet, mit wattierten Jacken, Mützen und dicken Handschuhen. Doch unterwegs auf dem Parcours kamen wir so ins Schwitzen, daß am Ende einige von uns im T-Shirt den Schläger schwangen. Golf im Schnee und auf zwölfhundert Meter Höhe kann ein atemraubender und schweißtreibender Sport sein. Die Einwände sind natürlich altbekannt, man ahnt sie schon: Keiner will glauben, daß Golf an sich anstrengend sei. Und obendrein soll ausgerechnet diese Wintergaudi ein richtiger Sport sein?

          Das alte Vorurteil vom Altherrenspaziergang muß gar nicht erst widerlegt werden, das hat spätestens Tiger Woods mit seinen dynamischen Schwüngen erledigt. Und Golf im Schnee - das kann wirklich mehr sein als Wintergaudi, als ein bierseliges Amüsement für Winterurlauber, als ein verrückter Ableger des Golfspiels, an dem allenfalls hartgesottene Finnen und Eskimos ihren Spaß haben können. Schneegolf, so behaupten wir sogar, ist die konsequente Fortführung einer Grundidee des Golfspielens: Bewegung in freier Natur bei jedem Wetter.

          Erfinder Kipling

          Bislang hat man diesen Grundsatz natürlich eher konservativ ausgelegt und die Plätze in nördlichen Breiten während der Wintersaison gesperrt, um auf den Rasen und sicher auch auf manch kälteempfindlichen Spieler Rücksicht zu nehmen. Wer dennoch nicht auf Golf verzichten wollte, mußte deshalb Richtung Süden reisen und in Portugal, Florida oder Südafrika spielen. Aber warum nicht auch die heimischen Gegebenheiten nutzen, fragten sich bald Kanadier und Skandinavier - und begannen, auf verschneiten Wiesen Schneegolf oder auf vereisten Seen Eisgolf zu spielen.

          Turnier in Arosa
          Turnier in Arosa : Bild: Schweiz Tourismus

          Als Erfinder des Schneegolfs gilt der britische Schriftsteller Rudyard Kipling, den es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nach Neuengland verschlagen hatte. Und was tut ein begeisterter Golfspieler, wenn er plötzlich in einer Gegend wohnt, in der der Winter kein Ende nehmen will, und wenn er noch dazu in einer Epoche lebt, in der man nicht einmal auf eine Indoor Driving Range gehen oder sich zumindest im Fernsehen ein Golfturnier der Profis in südlichen Gefilden ansehen kann? Als das Thermometer auf dreißig Grad unter null sank und der Schnee sich vor seinem Haus auftürmte, schulterte Kipling seine Schlägertasche und steckte im Garten in unterschiedlichen Abständen Blechdosen in den Schnee. Die Golfbälle malte er mit roter Tinte an, um sie leichter wiederzufinden, und wenn der Schnee zu hoch lag, schnallte er Schneeschuhe unter.

          Befremdlich winterlicher Tatendrang

          Die Nachbarn sahen in Kipling deshalb einen spleenigen Sonderling, und hätten sie gewußt, was er im Innern seines Hauses trieb, hätten sie ihn für übergeschnappt gehalten. Im Anschluß an seine eisigen Golfeskapaden nämlich setzte sich Kipling an den Schreibtisch und verfaßte ausgerechnet die tropischen Urwaldgeschichten um das Menschenkind Mowgli, den Bären Baloo und den Panther Bagheera, die als „Dschungelbücher“ zum literarischen Welterfolg wurden.

          Für das Buch erhielt Kipling im Jahr 1907 den Nobelpreis, und wegen seines befremdlichen winterlichen Tatendrangs erklärte ihn der amerikanische Golfverband später feierlich zum Begründer des Schneegolfs. Man stellte daraufhin auch gültige Regeln auf, nach denen sich bis heute alle richten können, für die Wintergolf mehr ist als ein etwas komplizierter Spaziergang im Schnee.

          Zögerlicher Trend

          In Mitteleuropa wurde das winterliche Golf erst vor kurzem entdeckt, doch jetzt hat ein zögerlicher Trend auch die Alpen erreicht. Im Schweizer Nobelstädtchen Gstaad führt ein Golfplatz auf knapp zweitausend Meter Höhe über steile Hänge bergauf und bergab - unmittelbar neben dem Skigebiet Wispile. Die Bewältigung dieses Parcours ist eine Herausforderung, bei der man keine feinen Damen in Pelzmänteln antrifft, sondern eher trainierte Skifahrer, die abseits der Piste eine andere Art von Schwüngen im Schnee üben.

          Ein ähnliches Wintergolfgefühl vermittelt der zugefrorene Weißensee in Kärnten: Neun ebene Spielbahnen werden dort durch Zweige abgegrenzt, die Schneedecke darauf gewalzt. Die Grüns erfordern besondere Präzision, bestehen sie doch aus spiegelblankem Eis.

          Ein Hund als Balljunge

          Wir haben unsere erste winterliche Runde auf dem Schneegolfplatz am Hörnlepaß im Kleinen Walsertal gespielt. Dort wird ein zweieinhalb Kilometer langer Parcours mit der für Golfer etwas unstimmigen Zahl von acht Spielbahnen gewalzt; das abschließende neunte Loch findet man aber ohne Schwierigkeiten im benachbarten Alpengasthof. Das Spiel in der stillen winterlichen Natur, am dicht verschneiten Waldrand entlang, mit den leuchtenden Berggipfeln im Hintergrund, erwies sich als außergewöhnliches Golferlebnis - unter extremen Bedingungen und doch irgendwie vertraut. Warum, so fragten wir uns, ist man nicht früher auf diese Idee gekommen, warum sind Wintergolfplätze noch so wenig verbreitet?

          Niemand verlangt am Hörnlepaß den Nachweis eines Handicaps, der Spaß am Sport soll im Vordergrund stehen. Selbst der auf den sommerlich gehegten Rasenflächen so gefürchtete „Hacker“, der mit seinen Schlägern mehr den Rasen umpflügt, als den Ball trifft, kann hier keinen Schaden anrichten, denn verunglückte Schläge bleiben einfach im plattgewalzten Schnee stecken. Ansonsten sind die Unterschiede zum gewohnten Golfspiel eigentlich unbedeutend: Die farbigen Bälle kennt man inzwischen schon vom Sommergolf. Das Fairway ist weiß statt grün, die Greens heißen Whites, und das Rough besteht aus Tiefschnee statt aus hohem Gras. Bälle, die dort verschwinden, sind aufgrund des kleinen Einschlagloches, das sie in der weißen Oberfläche hinterlassen, zwar zunächst leicht zu orten, aber oft nur schwer auszugraben.

          Nachdem wir auf der Suche nach einem rosaroten Ball zweimal bis zur Hüfte im Schnee versunken waren, erklärten wir bei weiteren Querschlägen den Ball für unauffindbar oder unspielbar, und für beide Fälle gibt es eine einschlägige Regel: einen Strafschlag zum Score hinzuzählen, und weiter geht es. Wie allerdings die Praxis der vor uns spielenden Gruppe zu bewerten ist, die einen Hund dabeihatte, der die Bälle mit Begeisterung aus dem Schnee buddelte, werden wir vom gestrengen internationalen Regelkomitee im schottischen St. Andrews prüfen lassen, das für Zweifelsfälle immer einen weisen Urteilsspruch parat hat. Und wenn sich die ehrwürdige Instanz von St. Andrews damit befaßt, dann ist Wintergolf auch richtiges Golf.

          Die schönsten Wintergolfplätze und die meisten Schneegolfturniere findet man in der Schweiz . Großartig liegt der Platz im Skigebiet Wispile oberhalb von Gstaad, wo von Januar bis März gespielt werden kann. Die Wintersportorte Arosa, Pontresina und Scuol in Graubünden bieten ebenfalls Wintergolf an. Die hochalpine „Golf Trophy“ ist das attraktivste Turnier, es findet in diesem Jahr am 11. und 12. März in Leukerbad im Wallis statt.

          Information allgemein bei Schweiz Tourismus, Postfach 16 07 54, 60070 Frankfurt, kostenloses Info-Telefon 0 08 00/ 10 02 00 30, im Internet unter www.myswitzerland.com.

          Österreich Der Wintergolfplatz Hörnlepaß im Kleinen Walsertal ist bei entsprechenden Witterungsbedingungen während der gesamten Skisaison geöffnet (weitere Informationen bei Kleinwalsertal Tourismus, Walserhaus, A-6992 Hirschegg, Telefon 00 43/55 17/51 14 35, im Internet unter www.kleinwalsertal.com). In Abtenau im Salzburgerland findet jeweils Anfang Januar das Turnier Snowgolf Classic statt (Info: www.snowgolf-classic.com), und auf dem Weißensee in Kärnten wird am 16. und 17. Februar die dreizehnte Auflage des internationalen Eisgolfturniers durchgeführt (Info www.weissensee.com).

          Information allgemein bei Österreich Werbung, Telefon 0 18 02/10 18 18, im Netz unter www.austria.info.

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