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Schliersee : Der Steg ist das Ziel

  • -Aktualisiert am

Die Welt aus der Sicht des Bootsverleihers: der Schliersee in Oberbayern Bild: dapd

Braucht’s des? Ja, freilich! Eine Reise an den bayerischen Schliersee, die Heimat des grandiosen Grantlers Gerhard Polt. Der Schliersee ist klein, überschaubar und behaglich.

          4 Min.

          Weißblau flattert im Wind, Butterbrezen kosten achtzig Cent, die Luft riecht nach Rasenmäher-Benzin, und Kinder werfen Steine nach den Haubentauchern. Schliersee, ein bayerisches Urlaubsidyll, Schliersee, die Heimat von Gerhard Polt, ja Kruzinesen. Eine Reise durch Oberbayern, zwischen Miesbach und Hundham, Gmund und Bayrischzell, ist auch eine Reise in die Welt des Kabarettisten, der nun siebzig wird und seit vielen Jahren südlich vom Schliersee lebt, in die Welt von „Man spricht deutsh“ und „Kehraus“, von „Mai Ling“ und „Nikolausi“, von „Bad Hausen“ und dem „Schnapperwirt“.

          Beim „Schnapperwirt“ nämlich, das wissen nicht nur Poltfans, „hat’s amal an dabazt“. Er „hod d’Kurven nimma dawischt“ und ist „obigsaust wie ein Propeller“ und „na hod’s es praktisch vollkommen dabazt“. Andreas Stöger muss sich das Lachen verkneifen, wenn er diese Zeilen hört. „Nein, hier ist nie ein solcher Unfall passiert. Und diese Kurve“, sagt er, und deutet durch die Gaststube Richtung See, „ist nicht gefährlicher als jede andere auch.“ Sie zieht sich vom Seeufer, an den Bootshäusern vorbei, in einem weiten Bogen nach links und führt am Wirtshaus vorbei ins Leitzachtal, und der Polt habe sie ein bisschen gefährlicher gemacht, als sie ist.

          Zehn Minuten zum „Schnapperwirt“

          Aber noch immer kämen Gäste zu ihm, Stöger, und fragten: „Ist das der ,Schnapperwirt‘, wo’s einen dabazt hat?“ Ja, der ist es, und dazu kommt der irritierende Umstand, dass Andreas Stöger dem Gerhard Polt ähnlich sieht: ein entschlossenes Gesicht mit latent schelmischen Zügen. Eigentlich muss man sich nur statt der Schürze einen Trachtenjanker vorstellen. Der „Schnapperwirt“ kommt in Polts Sketchen mehrmals vor, was naheliegend ist. Denn wenn Gerhard Polt von sich zu Hause aus zum „Schnapperwirt“ geht, dann dauert das ungefähr zehn Minuten. Er muss nur von Neuhaus, einem Teil der Gemeinde Schliersee, an der Leitzachtalstraße entlang Richtung See gehen, den Wendelstein im Rücken, irgendwann den See in Sicht, am Markus-Wasmeier-Museum vorbei, über die Gleise der BOB, der Bayerischen Oberlandbahn, und schon ist er da.

          Am Schlierseeufer

          Und tatsächlich macht er das nun auch. Denn seit einem Monat betreibt Andreas Stöger das Wirtshaus wieder selber, nachdem er diese Aufgabe in den vergangenen achtzehn Jahren einem Pächter übertragen hatte. Und so was geht halt nicht. Also für den Polt. Denn der war in dieser Zeit kein einziges Mal da, und vermutlich empfindet er es nun als sein schönstes Geburtstagsgeschenk, dass sich das geändert hat. „Seit wir hier sind“, sagt der Schnapperwirt, „ist auch der Gerhard sofort wieder gekommen.“ Und jetzt wolle er sogar mit den Well-Brüdern (ehemals Biermösl Blosn) bei ihm auftreten.

          Nur zweihundert Meter weiter schimmert der See in der Frühsommersonne, ein Idyll, fast schon eine touristische Karikatur. Die lieblichen, herausgeputzten Häuser scheinen sich mit der sanften Topographie der Umgebung abgesprochen zu haben. Der Minigolfplatz, die Eisdiele, das Gasthaus „Weißwurstglöckerl“ und die hellblauen Elektroboote, die am Verleihsteg hin- und herschaukeln, geben der Kulisse etwas Sechzigerjahrehaftes.

          „Es isch wirklich herrlich wie selten“

          Und zugleich wirkt sie wie eine zu schöne Scheinwelt, die jederzeit in böse Satire kippen kann, so wie es bei Polts Urlaubswelten immer der Fall ist: Am Strand in Italien taucht ein Schweinskopf auf, Terroristen sprengen halb Südtirol in die Luft, aber „es isch wirklich herrlich wie selten“, und dass Bad Hausen, jener fiktive bayerische Urlaubsort, den Gerhard Polt als CSU-Bürgermeister für seine touristischen Qualitäten preist, „auf einer Höhe von 763 Metern über dem Meer“ und damit ziemlich genau so hoch wie Schliersee liegt, ist kein Zufall. In Bad Hausen erwartet den Gast „mountain climbing - mountain biking - river rafting - aber wer will, kann auch hiking undbird watching machen - mushroom searching - freebenching - freshair snapping, original candlelight brotzeiting, Schmei sniffing oder, wenn’s beliebt, auch nur amal unforced time passing und televisioning“. In der echten Welt radeln die Mountainbiker am See entlang.

          Lage des Schliersees mit dem Wendelstein, einem der Münchener Hausberge

          Der Schliersee ist klein, überschaubar, behaglich. Das Wasser plätschert ruhig ans Ufer. Auf der Insel in seiner Mitte befindet sich ein Ausflugsrestaurant, das von der „Schliersee III“ angefahren wird, dem einzigen Ausflugsboot auf dem See. Sieben Kilometer sind es nur, dann hat man den See einmal umrundet. Am Tegernsee sind es dreimal so viel, betonen die Schlierseer gerne, weil sie stolz darauf sind, dass es hier noch so beschaulich zugeht. Und überhaupt, dreimal so viel ist vieles am Tegernsee: Der Stau auf der Küstenstraße, der Preis für die Zimmer und die Anzahl der Preißn, der Geldigen und der Großkopferten aus München, Stuttgart oder Dubai, „diese überambitionierte Bagage“, wie Polt sie vielleicht nennen würde.

          Dunkles Wasser, leichter Wind

          Andreas Stöger, der Schnapperwirt, ist nebenbei auch Bootsverleiher, und das war einer der Gründe, warum er sich aus der Gastronomie zurückgezogen hat. Seine Boote liegen am südlichen Ende des Schliersees, dort, wo viel weniger los ist als im Hauptort. Im Ortsteil Fischhausen gibt es nur ein paar Pensionen und am Ufer einige holzgetäfelte Bootshäuser, deren Stege in den See ragen. „Hier war früher, als es noch keine Straße gab, die Überfahrt nach Schliersee“, erklärt Stöger. Das Gasthaus habe seinen Namen aus dieser Zeit, als noch Zoll erhoben wurde und man sich hier das Geld der Menschen „geschnappt“ habe. 1901 wurde dann das Überfahrtsrecht in ein Bootsverleihrecht umgewandelt - und das liegt heute noch beim „Schnapperwirt“.

          Das dunkle Wasser kräuselt sich leicht im Wind, ein Schwan schwimmt daher und umrundet den Bootsverleihsteg. Besucher der Ausstellung, die derzeit zu Polts Geburtstag im Münchner Literaturhaus läuft, sehen ihn genau auf diesem Steg sitzen. Die ganze Ausstellung ist wie ein großer Bootsverleihsteg aufgebaut, auf dem Steg vom „Schnapperwirt“. Polt spielt den Bootsverleiher und spricht von einer Leinwand zu seinem Publikum: „Mehr als Bootsverleiher kann man eigentlich nicht werden.“ Dieser Beruf habe etwas Beschwingtes-Erleichterndes. Und: „Es ist wurscht, wie sich Europa entwickelt, im Bootsverleih wird es keine Veränderung geben.“

          Noch ein Bier

          „Als Bootsverleiher hast du den ganzen Tag mit dem See zu tun, und dieser See ist jeden Tag anders“, schwärmt der echte Bootsverleiher Andreas Stöger in Fischhausen und erzählt, dass er gespürt habe, dass diese Vorstellung auch Polt immer gefallen habe. Doch im Gegensatz zur Ausstellung in München, wo Polt langsam zum Klassiker wird und ähnlich wie Karl Valentin mittlerweile auch Geisteswissenschaftler beschäftigt, ist er am Schliersee, nur fünfzig Kilometer weiter südöstlich, einfach nur der Gerhard, der keine Rolle spielt, sondern so ist, wie man ihn kennt. Stöger sagt: „Wieso sollte ich ein Bild von ihm aufhängen? Da müsste ich ja von jedem anderen Gast auch ein Bild aufhängen.“ Und sein Blick fragt: Braucht’s des!?

          Beim „Schnapperwirt“

          Am Stammtisch beim „Schnapperwirt“ wird es langsam voll: Da sitzen sie, der Hinreiner Rudi, der Ismeier Manfred, der Rudi Löhlein und der Nepomuk Pröpstl. Die heißen natürlich genauso wenig so, wie der „Leberkäs Hawaii“ auf der Karte steht. Aber sie könnten so heißen, so wie die Menschen aus dem Sketch-Repertoire von Gerhard Polt. Ein paar Halbe, ein Schweinsbraten, auf dem Tisch die von Polt würdig kritisierte Zeitung „Miesbacher Merkur“ - und natürlich das übliche Umeinandergrantln:

          „Wer keine Freude hat, ist eine arme Sau.“

          „Ja, so ein Schmarrn.“

          „Aber menschlich ist es ja verständlich.“

          „Noch ein Bier, der Herr?“

          Dann geht die Tür auf, und alle drehen sich kurz um. „Ja, wos is des?“ Es ist - nein, nicht der Gerhard Polt, es sind nur der Saller Wolfi und der Leinschwender Sepp.
           

          Der Weg zum Schliersee

          Anfahrt Mit dem Auto auf der A8 bis Weyarn, dann über Miesbach nach Schliersee. Ab München Hauptbahnhof fährt die Bayerische Oberlandbahn: www.bayerischeoberlandbahn.de.

          Der „Schnapperwirt“ in Fischhausen am südlichen Ende des Schliersees (Neuhauser Straße 4) wird seit kurzem wieder von Familie Stöger betrieben, der auch ein kleiner Bootsverleih gehört.

          Der größte Bootsverleih in Schliersee wird von Familie Lauber betrieben; ihr gehören 41 Boote und die „Schliersee III“, das einzige Ausflugsboot am See: www.schlierseeschifffahrt.de.

          Die Ausstellung „Braucht’s des?!“ zu Gerhard Polts 70. Geburtstag läuft noch bis 10. Juni 2012 im Literaturhaus München. Bei Kein und Aber ist „Gerhard Polt und auch sonst - Im Gespräch mit Herlinde Koelbl“ erschienen (19,90 Euro).

          Weitere Informationen zum Schliersee: www.schliersee.de und www.bayern.by

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