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Schliersee : Der Steg ist das Ziel

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Die Welt aus der Sicht des Bootsverleihers: der Schliersee in Oberbayern Bild: dapd

Braucht’s des? Ja, freilich! Eine Reise an den bayerischen Schliersee, die Heimat des grandiosen Grantlers Gerhard Polt. Der Schliersee ist klein, überschaubar und behaglich.

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          Weißblau flattert im Wind, Butterbrezen kosten achtzig Cent, die Luft riecht nach Rasenmäher-Benzin, und Kinder werfen Steine nach den Haubentauchern. Schliersee, ein bayerisches Urlaubsidyll, Schliersee, die Heimat von Gerhard Polt, ja Kruzinesen. Eine Reise durch Oberbayern, zwischen Miesbach und Hundham, Gmund und Bayrischzell, ist auch eine Reise in die Welt des Kabarettisten, der nun siebzig wird und seit vielen Jahren südlich vom Schliersee lebt, in die Welt von „Man spricht deutsh“ und „Kehraus“, von „Mai Ling“ und „Nikolausi“, von „Bad Hausen“ und dem „Schnapperwirt“.

          Beim „Schnapperwirt“ nämlich, das wissen nicht nur Poltfans, „hat’s amal an dabazt“. Er „hod d’Kurven nimma dawischt“ und ist „obigsaust wie ein Propeller“ und „na hod’s es praktisch vollkommen dabazt“. Andreas Stöger muss sich das Lachen verkneifen, wenn er diese Zeilen hört. „Nein, hier ist nie ein solcher Unfall passiert. Und diese Kurve“, sagt er, und deutet durch die Gaststube Richtung See, „ist nicht gefährlicher als jede andere auch.“ Sie zieht sich vom Seeufer, an den Bootshäusern vorbei, in einem weiten Bogen nach links und führt am Wirtshaus vorbei ins Leitzachtal, und der Polt habe sie ein bisschen gefährlicher gemacht, als sie ist.

          Zehn Minuten zum „Schnapperwirt“

          Aber noch immer kämen Gäste zu ihm, Stöger, und fragten: „Ist das der ,Schnapperwirt‘, wo’s einen dabazt hat?“ Ja, der ist es, und dazu kommt der irritierende Umstand, dass Andreas Stöger dem Gerhard Polt ähnlich sieht: ein entschlossenes Gesicht mit latent schelmischen Zügen. Eigentlich muss man sich nur statt der Schürze einen Trachtenjanker vorstellen. Der „Schnapperwirt“ kommt in Polts Sketchen mehrmals vor, was naheliegend ist. Denn wenn Gerhard Polt von sich zu Hause aus zum „Schnapperwirt“ geht, dann dauert das ungefähr zehn Minuten. Er muss nur von Neuhaus, einem Teil der Gemeinde Schliersee, an der Leitzachtalstraße entlang Richtung See gehen, den Wendelstein im Rücken, irgendwann den See in Sicht, am Markus-Wasmeier-Museum vorbei, über die Gleise der BOB, der Bayerischen Oberlandbahn, und schon ist er da.

          Am Schlierseeufer

          Und tatsächlich macht er das nun auch. Denn seit einem Monat betreibt Andreas Stöger das Wirtshaus wieder selber, nachdem er diese Aufgabe in den vergangenen achtzehn Jahren einem Pächter übertragen hatte. Und so was geht halt nicht. Also für den Polt. Denn der war in dieser Zeit kein einziges Mal da, und vermutlich empfindet er es nun als sein schönstes Geburtstagsgeschenk, dass sich das geändert hat. „Seit wir hier sind“, sagt der Schnapperwirt, „ist auch der Gerhard sofort wieder gekommen.“ Und jetzt wolle er sogar mit den Well-Brüdern (ehemals Biermösl Blosn) bei ihm auftreten.

          Nur zweihundert Meter weiter schimmert der See in der Frühsommersonne, ein Idyll, fast schon eine touristische Karikatur. Die lieblichen, herausgeputzten Häuser scheinen sich mit der sanften Topographie der Umgebung abgesprochen zu haben. Der Minigolfplatz, die Eisdiele, das Gasthaus „Weißwurstglöckerl“ und die hellblauen Elektroboote, die am Verleihsteg hin- und herschaukeln, geben der Kulisse etwas Sechzigerjahrehaftes.

          „Es isch wirklich herrlich wie selten“

          Und zugleich wirkt sie wie eine zu schöne Scheinwelt, die jederzeit in böse Satire kippen kann, so wie es bei Polts Urlaubswelten immer der Fall ist: Am Strand in Italien taucht ein Schweinskopf auf, Terroristen sprengen halb Südtirol in die Luft, aber „es isch wirklich herrlich wie selten“, und dass Bad Hausen, jener fiktive bayerische Urlaubsort, den Gerhard Polt als CSU-Bürgermeister für seine touristischen Qualitäten preist, „auf einer Höhe von 763 Metern über dem Meer“ und damit ziemlich genau so hoch wie Schliersee liegt, ist kein Zufall. In Bad Hausen erwartet den Gast „mountain climbing - mountain biking - river rafting - aber wer will, kann auch hiking undbird watching machen - mushroom searching - freebenching - freshair snapping, original candlelight brotzeiting, Schmei sniffing oder, wenn’s beliebt, auch nur amal unforced time passing und televisioning“. In der echten Welt radeln die Mountainbiker am See entlang.

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